AC: Odyssey – Kassandra hat mich skrupelloser gemacht und das ist gut so

Schluss mit gut: Statt wie eine Heldin spiele ich Kassandra in Assassin’s Creed: Odyssey wie eine skrupellose Söldnerin.

Rollenspiele lassen mich gerne wählen, wie „gut“ ich sein möchte. Ähnlich wie beim Steak im Restaurant mit medium, medium rare und so weiter, gibt es dann die Everybodys-Darling-Option, die etwas weniger nette und die fast schon böse Variante. Richtig böse darf ich aber selten sein, genauso wenig, wie mir das Restaurant eine lebendige Kuh auf den Tisch setzt und mir viel Spaß damit wünscht.

Gestört hat mich das bislang nie. Denn ich bin ohnehin jemand, der nicht einmal in der virtuellen Welt böse sein kann. Dabei wäre ein Rollenspiel doch der ideale Rahmen, um eine Rolle zu spielen. Ich könnte ein kaltblütiges Monster ohne Gewissensbisse sein. Das schlechte Gewissen war bislang aber immer größer als der Reiz des Bösen bei mir

Zum Weiterlesen: Mehr Vater als Assassine – Warum Bayek ein gelungener Charakter ist

Ich, die zwanghafte Heldin

Deshalb war ich in Mass Effect immer brav der blaue Paladin-Shepard und jonglierte in The Witcher als neutraler Hexer mit allen Seiten, bevor ich mich zum Beschützer der verfolgten Minderheiten erhob. Ich lade regelmäßig sogar Quests neu, wenn ich nicht das ideale Ergebnis erzielt habe. Es quält mich in der Realität, wenn ich jemanden nicht retten konnte oder aus Versehen eine falsche Antwort gegeben habe.

Davon, wie oft ich in Mass Effect 2 die Selbstmord-Mission wiederholt habe, möchte ich gar nicht erst anfangen. Und wie sehr ich mich in Dishonored in No-Kill-Runs verbissen habe, statt die spaßigen „bösen“ Fähigkeiten auszukosten, habe ich ja schon in einem anderen Artikel ausgeführt.

Assassin’s Creed: Odyssey hat das für mich geändert. In der Rolle der Söldnerin Kassandra konnte ich mich zum ersten Mal damit anfreunden, auch mal nicht das Richtige zu tun – eine angenehm erfrischende Erfahrung.

Das Ganze funktioniert natürlich auch mit Alexios, setzt also seinen Namen ein, wenn ihr mit ihm durch Griechenland zieht.

In Mass Effect kann ich durch meine Entscheidungen Figuren verlieren, die mir am Herzen liegen.

Söldnerin statt Heldin

Kassandra ist als Söldnerin von Anfang an nicht als klassische Heldin ausgelegt. Sie folgt keinem Assassinen-Codex und ist kein Medjay wie Bayek in Origins, der seinem Land verpflichtet ist. Sie hilft den Menschen für Geld, nicht aus einer tieferen moralischen Vorstellung heraus.

Damit passt sie als Figur für mich sehr gut zu dem, was ich als Spieler tue. Denn egal, ob ich Söldner töte oder Festungen ausräume, es winkt immer eine bessere Rüstung oder eine finanzielle Belohnung. Meine Rolle als Spieler ist letztlich auch die eines Söldners, der Arbeit erledigt, um etwas dafür zu bekommen. Dass ich Menschen rette oder etwas zum Besseren verändere, bleibt Nebensache zu meinem Levelfortschritt.

Eine Figur gemacht für ihre Welt

Das ist natürlich nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht in Open-World-Spielen. Im Fall von Kassandra entsteht hier aber keine ludonarrative Disonanz, wenn ich statt der Geschichte zu folgen haufenweise Nebenkram erledige, auch mal ein Schiff versenke oder eine Schatztruhe plündere.

Oft spiele ich gutherzige Figuren, bei denen viele Aktivitäten fehl am Platz wirken. Nehmen wir zum Beispiel den Helden in Fallout 4, der sein Kind sucht, aber sich an jeder Ecke aufhalten lässt. Sein Verhalten erscheint nicht wirklich glaubwürdig, wenn man darüber nachdenkt.

Kassandra hingegen macht eben ihren Job. Ja, sie will ihre Familie finden, aber sie braucht auch die Mittel dazu. Und ihre Eltern sind nun einmal kein schutzloses Kind, das entsprechende Dringlichkeit bei der Suche erfordert. Der heimtückische Kult in Odyssey hingegen bedroht die ganze Ägais und erfordert schnelles Handeln, was ihre Prioritäten plausibel macht.

Zusätzlich wird sie stets als taffe Soldatin präsentiert, häufig mit einem spöttischen Spruch auf den Lippen. Ihr kauft man gerne ab, dass sie es nicht so genau mit den Folgen ihrer Handlungen nimmt. Wenn mal jemand stirbt oder etwas kaputt geht, dann ist das halt so. So ist das Leben, ich hatte es auch schwer – Malaka!

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Ich kann in Odyssey sogar abwechselnd für beide Seiten im Krieg um die Vorherrschaft in einem Gebiet kämpfen.

Interessanter statt schlechter Charakter

Das heißt nicht, dass Kassandra ein unsympathischer Schläger sein muss. Aber sie ist eben auch nicht Everybody’s Depp. Für mich wird ihr Charakter viel tiefgründiger dadurch. Denn wenn ihr mal etwas bedeutet, wenn man ihre menschliche Seite sieht, wird es so umso intensiver.

Vor allem, wenn es um ihre Mutter geht, fällt Kassandras coole Maske dann plötzlich. Dann wird sie wieder zu dem kleinen Mädchen, das ihre Familie verloren hat und seitdem nur noch für sich selbst kämpft, weil sie niemanden mehr hat. Genauso weckt auch die junge Phoibe, die sich in einer ähnlichen Lage befindet, ihren Beschützerinstinkt.

Und Gesprächsoptionen gibt es ja trotzdem. Man kann Kassandra also immer brav auf ihr Geld verzichten lassen und den Menschen aus Barmherzigkeit helfen. So fühlt sie sich halt eher wie eine klassische Heldin an, was völlig in Ordnung ist. Mir persönlich gefällt aber gerade, dass es mich in ihrem Fall nicht stört, auch mal die andere Option zu wählen. Denn es wirkt nicht deplatziert.

Böse sein macht doch Spaß

In einer Quest sollte ich beispielsweise ein Frau von einem Schiff retten. Versenke ich das Schiff, stirbt sie. Wie das Leben manchmal so spielt, sank das Schiff aus unerfindlichen Gründen (Ich weiß es wirklich nicht, ich war gerade ins Wasser gefallen – versprochen!). Normalerweise hätte ich mich jetzt geärgert und irgendwie versucht, die Quest neuzustarten.

In AC: Odyssey ging ich aber zurück zur Questgeberin und lauschte amüsiert dem Dialog der beiden. Klar, die arme Frau ist verzweifelt und traurig, dass ihre Freundin tot ist. Aber Kassandra hat nun einmal gute Argumente: Hey, die hätten sonst mich versenkt! Ja, es ist tragisch, aber so läuft es manchmal eben. Kassandra ist eine Söldnerin, keine Superheldin und ich muss das genauso akzeptieren wie Griechenland.

Was, ich soll das gemacht haben? Das ist ja absurd!

In einer anderen Mission will ein (höchst unfreundlicher) Priester, dass ich Schlangen aus einem Badehaus vertreibe. Aber weil sie für medizinische Zwecke genutzt werden, soll ich sie nicht töten. Ich bin genervt, da mir in dem abgelegenen Kloster niemand etwas zum Verbleib meiner Mutter sagen kann oder will. Also mache ich kurzen Prozess mit den schlängelnden Eindrinlingen und verbrenne sie.

Was den Priestern wütende Flüche entlockt, erfüllt mich mit einer seltsamen Genugtuung, auch weil Kassandra es nur mit einem spöttisch grinsenden „Nur eine tote Schlange, ist eine gute Schlange“ kommentiert. Ich bin eben nicht nur dafür da, eure Arbeit zu erledigen und wenn ich es tue, mache ich es verdammt nochmal auf meine Art!

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Ich spiele für mich, nicht für euch

Assassin’s Creed: Odyssey und Kassandra waren für mich also ein regelrechter Befreiungsschlag. Weil es so gut zu ihr und dem Spiel passt, stört mich das Böse sein plötzlich nicht mehr. Im Gegenteil, es bereitet mir sogar Freude. Nach all den Helden tut es wirklich gut, mal jemanden zu spielen, der zuerst an sich selbst denkt.

Statt zwanghaft alles richtig machen zu wollen und mich dadurch zu limitieren, spiele ich deshalb einfach so, wie es mir Spaß macht. Mal helfe ich jemanden, mal töte ich jemanden, weil er mir auf die Nerven geht oder ignoriere seine Bitten. Und mal töte ich aus Versehen eine Gruppe Priesterinnen, weil sie mich bei einem Verbrechen beobachtet haben und werde anschließend mit einem Paddel verprügelt. Malaka!


Nicht ins Gesicht!


Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

4 Kommentare zu “AC: Odyssey – Kassandra hat mich skrupelloser gemacht und das ist gut so

  1. Hey Elena, ich finde deine Beiträge wirklich klasse. Sie sind sehr schön geschrieben und bieten eine tolle Abwechslung zu normalen Gameseiten. Ich mag die Art wie fließend deine Texte formuliert sind und du mit Leichtigkeit deine Gedanken und Eindrücke schilderst. Es macht wirklich Spaß das zu lesen und bietet eine gute Ablenkung wenn es mir mal nicht so gut geht.
    Liebe Grüße

    1. Vielen Dank! 🙂

      Tut echt gut, das zu lesen. Für mich ist das Schreiben hier auch sehr erfrischend, weil ich meinen Gedanken freien Lauf lassen kann, ohne mir über Klicks oder andere Dinge Gedanken machen zu müssen.

      Liebe Grüße,
      Elena

  2. Hallo Elena,

    ich kann mich dem Josch nur anschließen: Du schreibst unglaublich ansprechend und man liest deine Artikel/Beiträge wirklich sehr gerne! 🙂

    AC Odyssey habe ich selbst erst vor ein paar Wochen für mich entdeckt. Mein letzter gespielter AC-Teil war noch zu XBOX 360-Zeiten und irgendwie hat es mich danach nicht mehr so gereizt, weil sich meiner Meinung nach immer nur das Szenario änderte und die Spielmechanik nur geringfügig.

    Naja, nachdem der zweite Durchlauf von Witcher 3 und Zelda BOTW abgeschlossen waren, reizte mich mal wieder eine neue Open-World. Habe mir vor dem Kauf viel angelesen und zig Videos zu Odyssey angeschaut, um meine Entscheidung später nicht zu bereuen. Und ich kann nun sagen, dass ich vollends zufrieden bin! Mir gefallen die RPG-Elemente im Gameplay und die Umsetzung Griechenlands mit Tempelanlagen, Statuen, Weinplantagen usw. ist ziemlich gelungen. Da freut man sich umso mehr, dass es nächsten Monat urlaubstechnisch nach Rhodos geht (auch wenn diese Insel leider nicht im Spiel aufgegriffen wurde). 😉

    Ich kann deine moralische Vorgehensweise in Spielen übrigens sehr gut nachvollziehen. Früher als Jugendlicher wollte ich in Spielen einfach immer nur möglichst böse sein und bin jedes RPG mit dieser Intention angegangen. Es war einfach der Reiz, Dinge zu tun, die man im echten Leben nicht auf diese Weise handlen würde (zum Glück nicht!) und vielleicht auch eine gewisse Form von Machtgefühl. ;p Nun hat sich mein Spielverhalten seit sehr vielen Jahren schon in die Richtung bewegt, dass ich mich bei jeder Entscheidung fragen muss, würde ich das in Wirklichkeit auch so machen und könnte ich mit dieser Entscheidung leben? Aufgrund dessen wird mittlerweile auch gerne mal der Speicherstand neu geladen, weil es nicht mehr einfach „schwarz“ oder „weiß“ sein soll. Ein Kumpel von mir verurteilt dieses mehrfache Neuladen bei Spielern ganz gern, weil er es wichtig findet, dass man seine Entscheidungen in Spielen auch mit den jeweiligen Konsequenzen akzeptiert. Kann sein Anliegen verstehen und eine solche Vorgehensweise würde den Nervenkitzel vor schwierigen Entscheidungen deutlich erhöhen, aber die möglichen Konsequenzen meines Handelns sind mir in vielen Spielen viel zu schleierhaft gewesen. Und dafür anschließend einen Charakter zu verlieren, den man ins Herz geschlossen hat und retten könnte, kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich greife hier sehr gerne deinen Bezug zur Endmission von Mass Effect 2 auf… ^^

    So, dann werde ich auch heute noch versuchen, ein bisschen Zeit im antiken Griechenland zu verbringen. Mittlerweile habe ich die freie Erkundung der Inseln für mich entdeckt. Die kann man immer schön als Tagesziel nehmen, weil die Fragezeichen und Aufgaben relativ schnell erledigt sind. ;D

    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg auf deinem weiteren Lebensweg und freue mich schon auf neue spannende Artikel von dir!

    LG
    Tim

    1. Vielen Dank! 😀

      Sehr cool! Gerade wenn man ne Pause gemacht hat, dürften die Änderungen ja enorm gewesen sein. Wenn Odyssey dir gefallen hat, wäre ja vll auch Origins was, das geht in ne ähnliche Richtung und hat mir persönlich auch gut gefallen. 🙂

      Ja, das ist auch bei mir der Grund, warum ich oft nicht damit leben kann oder will. ^^ Beispielsweise wählt man in nem Dialog ne Antwort mit ner bestimmten Intention, weil man denkt, dass der Charakter das sagen will, aber dann formuliert er es plötzlich ganz anders, als man gedacht hätte und man steht dann da. Das ist dann ja auch eher ein Problem im Design der Dialoge als so gedacht. 😀

      Viel Spaß! Das mach ich auch gerne und schnappe mir dann den Fotomodus, um meine Eindrücke festzuhalten. 🙂

      Vielen Dank, dir auch!

      LG,
      Elena

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