Storytime: Shadow of the Tomb Raider – Lara ist wichtiger als das Ende der Welt

Shadow of the Tomb Raider scheint Laras Vorgehen als Archäologin in Frage zu stellen. Für mich erzählt das Spiel aber eine andere Geschichte, die nichts mit Gräbern zu tun hat.

Die Story-Prämisse von Shadow of the Tomb Raider schien schon bei der Ankündigung recht eindeutig: Lara Croft löst durch Unachtsamkeit die Apokalypse aus und muss anschließend die Welt retten. Dabei fragt sie sich, ob es wirlich okay ist, sich permanent in alte Kulturen und das Schicksal der Welt einzumischen. Das könnte man zumindest meinen. Am Ende hatte ich aber nicht das Gefühl, dass sich Lara oder Shadow of the Tomb Raider damit auseinandergesetzt haben. Viel mehr noch: Mir schien es, als seien weder die Apokalypse noch Gräber voller Schätze der Mittelpunkt des Spiels gewesen. Im Kern war Shadow of the Tomb Raider für mich vor allem eine Geschichte darüber, wie Lara sich von ihrem Vater löst und seinem Traum, der vielleicht nicht ihrer sein muss.

Kleine Vorwarnung:  Weil der Artikel sich mit der Story von Shadow of the Tomb Raider beschäftigt, enthält er Spoiler.

Nach dem Spielen hat mich die Story von Shadow of the Tomb Raider erst einmal enttäuscht. Mit ein paar feinen Unterschieden entsprach sie im Grunde der von Rise of the Tomb Raider: Lara legt sich aufgrund irgendeines verstaubten Artefakts mit Trinity an. Eine Menge Kämpfen und Klettern später, inklusive panischer Fluchtsequenz und einem Hauch von Übernatürlichen, ist dann alles wieder ins Lot gebracht. Neu bei Shadow of the Tomb Raider ist, dass Lara die Bedrohung allein heraufbeschworen hat und somit nur Schadensbegrenzung betreibt. Sie hat mit einer für eine erfahrene Archäologin verblüffenden Naivität einen Maya-Dolch aufgehoben und damit zwar keine Falle, aber dafür gleich den Weltuntergang ausgelöst. Upps.

Schmerzhaft sind die Folgen ihres Handelns für Lara nur kurz.

Suche nach sich selbst, statt nach Schätzen

Eigentlich ein interessanter Gedanke, der im Spiel aber nicht wirklich zu tragen kommt. Zum einen sympathisiert man trotzdem mit Lara: Trinity versucht nicht, die Apokalypse zu verhindern, sondern will die Chance nutzen, die Welt nach ihren Idealen neu zu formen. Damit sind sie schon wieder die Bösen, weil sie die Lage ausnutzen wollen und Lara bleibt die Heldin. Zum anderen nimmt es ihr niemand wirklich übel. Anfangs wird noch Kritik durch Figuren wie Jonah präsentiert („Es geht nicht nur um dich, Lara!“) oder Lara muss mitansehen, wie ein Dorf durch ihre Tat einer Naturkatastrophe zum Opfer fällt.

Später tanzt sie aber wieder munter durch Gräber, erbeutet Artefakte oder schießt auf einheimische Urvölker, die danach aber trotzdem bereitwillig helfen, weil Trinity halt noch schlimmer ist. Dank Herausforderungsgräber und offener Hub-Welt voller Nebenquest-Geber, kann man sich jederzeit in die Welt einmischen, ohne dass es hinterfragt wird. Spielerisch ist das auch sinnvoll. Sonst würde Shadow of the Tomb Raider nicht als das funktionieren, was es sein will. Allerdings hat es mich doch überrascht, dass das Problem vom Anfang  nie wieder zur Sprache kommt. Bei den Einheimischen (nicht die, auf die sie schießt) ist Lara das ganze Spiel über gern gesehen. Hier stört es niemanden, dass sie in ihrer Kultur rumpfuscht und alte Schätze entwendet. Und das mit der Apokalypse? Ach, Schwamm drüber!

Und am Ende sind alle dankbar, dass Lara  mal wieder die Welt gerettet hat. Dass sie sich anschließend von der Archäologie zurückzieht, weil sie ihr Verhalten hinterfragt, erscheint mir deshalb sehr unglaubwürdig. Warum sollte sie das tun? Schließlich bekam man im Spiel nie wirklich den Eindruck, dass sie etwas abseits ihres Fehlers bereut. Sie fühlt sich schuldig für den Beinahe-Weltuntergang, aber nicht ihre Abenteuer. Für mich zieht sie sich zurück, weil sie die Archäologie nicht mehr braucht. Lara hat die ganze Zeit keine Schätze, sondern eine Verbindung zu jemandem gesucht, der sein Leben genau dieser Wissenschaft gewidmet hat – ihrem Vater.

Zum Weiterlesen: Kritik an der Spielerbevormundung in Shadow of the Tomb Raider – Tu dies, tu das, tu jenes!

Die Konfrontation mit Dominguez fällt sehr persönlich aus.

Will Lara vielleicht keine Archäologin sein?

Dass es sich bei Lara Croft oft um ihren Vater oder ihre Mutter dreht, ist weder in den alten Spielen, noch in der Reboot-Trilogie wirklich neu. In Shadow of the Tomb Raider stößt sie aber auf den Mörder ihres Vaters und zieht Konsequenzen daraus. Sie wird mit dem konfrontiert, was sie verloren hat und mit demjenigen, der Schuld daran trägt. Ich darf auch die junge Lara spielen, das Herrenhaus der Crofts erkunden und erleben, wie sehr sie die Arbeit ihres Vaters fasziniert, obwohl sie die Familie auseinanderreißt. Die Archäologie ist damit gleichzeitig Fluch und Segen für sie. Fluch, weil sie es eigentlich war, die ihr ihren Vater nahm und Segen, weil sie ihm immer noch nah sein kann, indem sie die Geheimnisse zu verstehen versucht, denen er auf der Spur war.

Obwohl diese Geschichte fast schon untergeht, finde ich, dass sie erzählerisch die starke Seite von Shadow of the Tomb Raider darstellt. Der Moment, in dem Lara den Bösewicht Dr. Dominguez anschreit, wie er einem kleinen Mädchen ihren Vater, ihre Welt, nehmen konnte, war für mich einer der wenigen, der mich wirklich berühren konnte. Für mich war Lara in diesem Augenblick sehr menschlich und glaubhaft als verletztes Kind, dem sein eigenes Schicksal letztlich wichtiger ist, als das der Welt.

Allerdings lernt Lara auch, damit klarzukommen und schafft es letztlich, den Verlust ihres Vaters zumindest zu akzeptieren. Für mich findet Lara am Ende die Stärke zu hinterfragen, ob sie diese Art von Leben wirklich haben will. War es ihre Entscheidung oder ist sie nur ihrem Vater gefolgt? Will sie sich ein eigenes, ganz anderes Leben aufbauen, fernab von Gräbern und Gefahren? All das wird in Shadow of the Tomb Raider nicht wirklich ausgesprochen. Für mich macht es aber Sinn, wenn man die Geschichte im Detail betrachtet.

Da ist zum Beispiel Etzli, der Sohn von Unuratu, die die Rebellen in Paititi anführt. Obwohl er wie Lara beide Eltern verliert, beweist er eine Stärke, die sie bei einem kleinen Jungen tief verblüfft. Er will nicht nur seinen Stamm an Stelle seiner Mutter leiten, sondern auch die Welt draußen besuchen. Für mich erkennt Lara in ihm die Kraft und Unabhängigkeit, die ihr bislang gefehlt hat. Er spornt sie an, den richtigen Weg für sich zu finden und stark zu sein. Damit stellt Shadow of the Tomb Raider für mich letztlich doch einen befriedigenden Abschluss für die Reboot-Trilogie dar. Es wird vielleicht nicht die Geschichte einer großen Grabräuberin erzählt, aber immerhin die, einer jungen Frau, die erwachsen wird und ihren eigenen Weg findet. Vielleicht mag Lara Croft ja gar keine Gräber.

Mehr Storytime: Warum Bayek in Origins mehr Vater als Assassine ist

Der junge Etzli kann in gewisser Weise ein Vorbild für Lara sein.

Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

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