All Time Favorite – Endless Ocean 2: Es macht das Beste aus seinem Setting

Endless Ocean 2 lebt allein von seiner Welt – und zeigt dabei warum weniger manchmal tatsächlich mehr ist.

Seit meiner Kindheit gibt es ein Spiel in das ich wirklich regelmäßig zurückkehre. Dabei hat es recht simples Gameplay und keine herausragende Geschichte. Trotzdem fahre ich jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche, wie selbstverständlich die Wii hoch und spiele Endless Ocean 2.

Richtig gelesen, das ist dieses japanische „Lernspiel“, das den Spieler Gewässer mit ihren natürlichen Bewohnern kennenlernen lässt. Ich kann im Rahmen der Kampagne oder auch selbstständig unterschiedliche Meere oder einen Fluss auswählen und die Unterwasserwelt erkunden. Ich darf Fische beobachten, füttern und mich über sie informieren. Nebenbei berge ich Schätze (und Müll) oder mache mir größere Meeresbewohner wie Delfine zum Freund und trainiere sie. Es gibt keine Kämpfe und nur wenige Story-Sequenzen, alle Gameplay –Mechaniken sind tatsächlich bloß darauf auslegt, mit der Umwelt zu interagieren, während ich über die Schulter meines Tauchers blicke.

Was ist es also, das mich hunderte von Stunden im Spiel hält? Ich habe weder alle Fischarten gefunden, noch das Spiel zu hundert Prozent durchgespielt, ein rein mechanischer Komplettierungsdrang steckt also nicht dahinter. Im Gegenteil: Endless Ocean 2 bereitet mir die meiste Freude, wenn ich mich einfach treiben lassen kann (haha). Dennoch: Hier liegt die wahre Genialität des Spiels. Selbst wenn eine gewisse Nostalgie nicht von der Hand zu weisen ist, bin ich der Überzeugung, dass es sich auch jetzt noch lohnt, als Neuling in die Welt von Endless Ocean einzutauchen (Okay, jetzt ist es genug!).

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Einfach aber genial

Viele aktuelle Erkundungsspiele versprechen mir atemberaubende Entdeckungen, eine packende Story oder auch nur nützliche Ressourcen für irgendein ausgetüfteltes Crafting-System. Spiele wie Starbound oder The Solus Project führen mich in die endlosen und geheimnisvolle außerirdische Welten, während Spiele wie Dear Esther oder Gone Home mit einer emotionalen Erzählung locken. Endless Ocean macht all das nicht, schafft es aber in mir einen kindlichen Entdeckerdrang zu wecken. All das, was ich im Spiel sehe, ist für mich nicht neu. Was ich im Spiel entdecken kann, entspricht dem, was ich schon zig Mal in irgendeiner Meeresdoku oder live beim Schnorcheln gesehen habe. Trotzdem fühle ich mich mehr denn je wie ein echter Entdecker auf einem Abenteuer.

Die Magie nutzt sich selbst dann nicht ab, wenn ich eigentlich jeden Winkel der Spielwelt bereits kenne. Ein Beispiel: Ich werde nicht müde, durch das verfallene Valka-Schloss zu streifen und mir vorzustellen, wie es den Bewohnern wohl ergangen ist, bevor all das Meeresgetier durch die bröckligen Wände geschlüpft ist. In meinem Kopf sind immer noch so viele Fragen: Wer war der angeblich grausame Herrscher, den das mittlerweile verwaschene Porträt zeigt? Warum ist das Schloss im Meer versunken? Fragen, die mich schaudern lassen, als sich ein gigantischer Mantarochen vor mir erhebt.

Die Welt wird zum Erzähler

Er ist das Phantom des Schlosses, das nur in bestimmten Nächten sichtbar ist. Wie mir das Spiel verrät, werden die Geister der auf See gestorbenen der Legende nach zu Rochen. Habe ich also den Schlossherrn persönlich vor mir? Überall in der Ruine finde ich Spuren seiner düsteren Herrschaft. Ich erfahre, dass das Gebäude als verflucht galt und der Prinz ein Faible für alles Okkulte hatte. Hat er das Schloss in seinem Wahn vielleicht am Ende selbst versenkt? Wurde er für seine Taten bestraft? Ich bin fasziniert, wie mühelos das Spiel mir diese Geschichte über Environmental Storytelling näherbringt, ohne sie mir wirklich zu erzählen. Alles passiert in meinem Kopf. Ich halte den Atem an, wenn ein Wal auf offener See direkt über meinen Kopf hinweggleitet. Ich staune stumm, wenn ich in die unheimliche Tiefsee hinabtauche und tatsächlich Tiere finde, die ich nie zuvor gesehen habe.

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Endless Ocean lässt mich tatsächlich staunen wie kaum ein anderes Spiel – gerade weil diese Welt eigentlich so vertraut sein sollte. Ich bin auf keinem fremden Planeten, sondern auf der Erde. Nur eben unter Wasser. Aber das ist der große Kniff des Spiels: Es nimmt das Bekannte und gibt mir eine neue, exotische, atemberaubende Perspektive darauf. Es lässt mich die Welt sehen, wie ich es noch nie getan habe. Das erreicht es vor allem dadurch, dass es ein Setting wählt, das mir einerseits vertraut und bekannt ist, andererseits aber auch fremd und sogar ein Stück weit mysteriös oder sogar beängstigend. Allein wenn man an die gerade einmal zu einem Prozent erforschte Tiefsee, versunkene Schätze oder die Schauergeschichten über Haie und andere Meeresräuber denkt, hat man einen spannenden Ausgangspunkt voller potenzieller Bedrohungen und großartiger Entdeckungen. Und das ohne den großen Aufwand betreiben zu müssen, eine eigene Welt zu kreieren.

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Und trotzdem unbeliebt

Also warum nutzen so wenige Spiele das Meeres-Setting? Im Prinzip werden hier endlose Weiten frei Haus zusammen mit eigenwilligen Kreaturen und traumhaften Landschaften geliefert. Mal ganz zu schweigen von all den spielmechanischen Möglichkeiten, die sich durch die ungewöhnliche Umgebung ergeben: Eine komplett freie Bewegung durch den Raum, Strömungskräfte, Sauerstoffknappheit, das Prinzip der Schwerelosigkeit. Sowohl narrativ, als auch spielmechanisch, bieten die Wasserwelten so Einiges.

Trotzdem scheint das Setting unattraktiv. Abgesehen von Indiespielen wie Subnautica, dem VR-Spiel World of Diving oder Abzû von einem ehemaligen Journey-Artist, fallen mir keine Spiele ein, die sich aktuell an einem Unterwasser-Setting versuchen, schon gar nicht im Triple-A-Bereich. Was diese Spiele mit Endless Ocean gemeinsam haben, ist die clevere Integration des Spielers in diese lebensfeindliche Umgebung. Wir sind nicht für ein Leben unter Wasser geschaffen. Also sind zwei Aspekte naheliegend: Einerseits ein Survival-Element, das uns bewusst macht, dass wir ohne unseren technischen Schutzmantel verloren wären und andererseits den oben angesprochenen Entdeckerdrang auszunutzen, der sowohl Mechanik, als auch Belohnung ist.

Subnautica setzt dabei sehr viel stärker auf den Survival-Aspekt und erzeugt dadurch auf den ersten Blick deutlich mehr Spannung als Endless Ocean 2. Auf einem fremden Wasserplaneten gestrandet ist es mein primäres Ziel mein Raumschiff wieder auf Vordermann zu bringen. Also suche ich systematisch nach Baumaterial, verbessere mein Equipment und verlängere so meine Tauchzeit. So kann ich immer mehr Ressourcen bergen und mir schließlich eine Basis bauen.

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Ein Spiel für den Moment

Warum ich Endless Ocean 2 trotz der veralteten Grafik den Vorzug gebe, liegt daran, dass es für mich trotz einfacherer Mittel mehr aus dem Setting macht. Subnautica wartet bei den Meeresbewohnern mit kuriosen Eigenkreationen auf. Die faszinierenden Kreaturen und ungewöhnlichen Pflanzen geraten aber schnell in den Hintergrund und verkommen zu bloßem Crafting-Material. Anstatt über die grafisch traumhaft inszenierte Meereswelt zu staunen, grase ich sie methodisch ab. Mein kindlicher Entdeckerdrang weicht einem rationalen Überlebensinstinkt. Während ich Endless Ocean spiele, weil ich es erleben möchte, will ich in Subnautica vor allem besser werden.

Subnautica könnte so wahrscheinlich auch in jeder anderen Welt funktionieren – beispielsweise auch in einem Dschungel. Immerhin ist die Umgebung ohnehin außerirdisch und entspringt allein der Vorstellung der Entwickler. Endless Ocean 2 wiederum lebt von der Faszination, die von einer ganz bestimmten Welt ausgeht: Die Ozeane stehen im krassen Widerspruch zu unserer Vorstellung über die Allmacht über unseren Planeten. Allein die Tiefsee ist im Prinzip ein Weltraum im Kleinformat, voller unbekannter Orte und Kreaturen. Solche blinde Flecke erzeugen nicht nur eine unglaubliche Spannung, sondern motivieren auch von ganz allein. Ich will die sein, die sie zuerst zu Gesicht bekommt.

Beim Spielen wird schnell klar, dass jede Mechanik darauf ausgelegt ist, mich einzigartige Momente erleben zu lassen. Egal ob ich Fische anlocke und sie beobachte, in unbekannte Tiefen hinabtauche oder eine versteckte Höhle im Eis entdecke. Der malerische Soundtrack der irischen Band Celtic Woman (einer der besten Spielesoundtracks überhaupt) legt mir jedes Mal nahe etwas Großartiges und Einzigartiges erreicht zu haben. Jede Kampagnen-Sequenz bis hin zur kleinsten Nebenmission versprüht im Spiel die Liebe zu solchen Augenblicken und dem Meer selbst. Damit wird eine so konsequente und einprägsame Erfahrung erschaffen, wie ich sie in Spielen selten erlebt habe. Das Gameplay ist hier nur soweit vorhanden, inwieweit es dieses Erlebnis unterstützen kann und nicht umgekehrt.

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Realismus triff Fantasy

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass Endless Ocean 2 mehr spielerische Tiefe nicht gut getan hätte. Mir gefällt die Vorstellung sehr, ein vollwertiges Rollenspiel mit komplexen Mechaniken und einer fesselnden Story in so einer Welt anzusiedeln. Allerdings ist Endless Ocean ein gutes Beispiel dafür, wie ein interaktives Medium allein von seiner Welt leben kann, ohne wie viele Walking Simulatoren nahezu vollständig auf die Interaktivität zu verzichten.

Warum trotzdem viele Studios zu hausgemachten Schauplätzen oder Fantasy-Meereswelten wie bei Subnautica greifen, liegt wohl daran, dass mit einem realistischen Setting nun einmal gewisse Limitierungen kommen. So hagelte es bei Endless Ocean 2 vor allem für die legendären Kreaturen Kritik. Zwar erscheinen gigantische Wale mit einer ungewöhnlichen Färbung oder gar eine riesenhafte Dinosaurierkreatur nicht völlig abwegig in einem Unterwasser-Szenario, so mancher Spieler störte sich aber trotzdem am fehlenden Realismus im sonst sehr präzisen Endless Ocean 2.

Neue Möglichkeiten, neue Risiken

Anderen waren die Kreaturen wiederum zu nah an der Realität. Braucht Endless Ocean am Ende also doch Fantasy, um zu überzeugen? Entscheidend für mich ist, ob die Wesen zur Grundstimmung der Welt passen und in ihr selbst Sinn ergeben. Und das tun sie auf jeden Fall. Wir reden hier schließlich nicht von Fabelwesen oder Außerirdischen. Diese Kreaturen sorgen für ganz besondere Highlights im Spiel und stehen für all das, was wir in den Weiten des Ozeans noch nicht entdeckt haben. Wer weiß schon, was sich dort unten noch so alles vor unseren neugierigen Augen verbirgt?

Hinzu kommtauch, dass all die Vorteile des flüssigen Elements auch nach hinten losgehen können. Wie inszeniere ich einen Kampf in der Schwerelosigkeit? Wie arbeite ich mit dem schier endlosen vertikalen Raum ohne den Spieler regelmäßig mit gähnender Leere zu konfrontieren? So ist es auch wenig verwunderlich, dass das erste Endless Ocean seinerzeit mit einem einzigen Ozean aufwartete. Zwar tut die Vielfalt dem zweiten Teil fraglos gut, es zeigte sich aber schon damals, dass die wahre Stärke des Settings nicht unbedingt in der Zahl ihrer Schauplätze liegt. Viel faszinierender ist die Liebe zum Detail an den einzelnen Orten.

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Eine Hommage an das Meer

Das macht es aber auch zu einer großen Herausforderung für jeden Designer, der den Spieler genau für diese Details sensibilisieren muss. Tut er das nicht, werden die meisten Spieler nur stur der Kampagne folgen oder sich an interessante Landmarks oder größere Meeresbewohner halten. Auch hier zeigt sich schön der Einfluss des Gameplays in Endless Ocean, das die Aufmerksamkeit des Spielers über Fotoaufträge oder Touristenführungen genau auf diese spannenden Kleinigkeiten lenkt.

Die Geschichte, die mir Endless Ocean eigentlich erzählen will, ist also nicht die der Kampagne. Die nur dazu da mich auf der Suche nach Schätzen und anderen Geheimnissen von Schauplatz zu Schauplatz zu führen. Trotzdem bleiben so viele Momente in mir verhaftet. Sei es nun die Flucht vor dem gefährlichen Riesenhai Thanatos oder aber das Ende, als ich umringt von Walen auf meinem kleinen Boot stehe und gleichsam gerührt und melancholisch bin.

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Wenn ich die Faszination von Endless Ocean in einem Wort zusammenfassen sollte, würde ich sagen, dass es seine Einfachheit ist. Und damit meine ich nicht Belanglosigkeit. Im Gegenteil: Ironischerweise bringt mir ausgerechnet eine virtuelle Version meine eigene Welt näher und schafft es, dass ich einen Teil von ihr noch mehr lieben und schätzen lerne.

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Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

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