Elena erzählt: Besser zeichnen lernen – Tipps für Anfänger

Ob man zeichnen kann, hängt für viele vom Talent ab. Dabei steckt in den meisten Fällen Übung und harte Arbeit hinter den Kunstwerken. Hier sind meine Tipps, mit denen auch Anfänger besser zeichnen lernen.

Mit dem Talent ist das so eine Sache. Als ich klein war, wurde ich oft für meine Zeichnungen gelobt. „Du bist ja so talentiert!“, hieß es und die 1 im Kunstunterricht war immer ohne viel Aufwand garantiert. Übung oder Zeichenkurse brauchte ich nicht, genauso wenig wie Referenzen oder Modelle. Denn ich ja war von Natur aus begabt. Also zeichnete ich nur, was ich wollte (meistens coole weibliche Manga-Charaktere mit Drachen, Schwertern oder Wölfen) wann auch immer Zeit war und merkte irgendwann, dass ich nicht besser wurde. War ich in der Schule noch Everbodys-Drawing-Darling änderte sich das in der Ausbildung (Kommunikationsdesign). Plötzlich war ich solides Mittelmaß, was meine Zeichenkünste anging. Und weil bei Illustrationen coole Manga-Girls zumindest hierzulande nur selten gefragt sind, nützte mir nicht mal das wirklich etwas.

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Arbeit statt Talent

Bin ich also an der Obergrenze meines Talents angekommen? Damals dachte ich das sogar ein bisschen. Denn auch als ich anfing zu üben, wurde ich nicht wirklich besser. Das frustrierte mich ziemlich, weshalb ich mich mehr und mehr dem Schreiben zuwendete. Anders als beim Zeichnen war ich durch die professionelle Tätigkeit zum ständigen Üben gezwungen, was auch meine Fortschritte deutlich spürbar machte. Hier ging es nicht um Talent, sondern um harte Arbeit, Zeichenzahlen, Abgaben und präzise Analysen. Ich glaube, langfristig habe ich auch beim Zeichnen davon profitiert. Genau wie beim Journalismus Schreibtalent bestenfalls eine gute Grundlage ist, um vernünftiges Schreiben zu lernen, ist es auch beim Zeichnen.

Talent ist hier für mich mittlerweile mehr eine Art Katalysator. Es hat dafür gesorgt, dass ich als Kind einen kleinen „Bonus“ hatte. Ein gewisses Verständnis, das dafür sorgte, dass ich gut war im Zeichnen. Das führte dazu, dass ich es viel tat, weil es mir Freude machte. Ich übte also unbewusst und automatisch, was mich letztendlich besser werden ließ. Was mich gut gemacht hat, war aber die Übung, nicht das Talent.

Einfach drauflos üben funktioniert in der Regel aber nicht. Viel zu leicht rutscht man zurück in seine Komfortzone (Coole weibliche Charaktere!) oder gibt auf, weil man nach zwei Bildern noch nicht auf dem Niveau seines Lieblings-Concept-Artists ist. Deshalb habe ich hier einmal ein paar Tipps zusammengestellt, die mir persönlich sehr geholfen haben und auch immer noch helfen. Denn gefühlt befinde ich mich noch ganz am Anfang meiner künstlerischen Ausbildung, bin also selbst noch ein Anfänger.

Zeichnet jeden Tag

Dieser Tipp ist der wichtigste für mich. Zeichnet jeden Tag! Das bedeutet nicht, dass ihr jeden Tag ein Meisterwerk erschaffen müsst. Kleine Skizzen reichen völlig aus. Es ist  auch nicht so wichtig, dass ihr eine große Menge an Bildern pro Tag produziert. Es geht nur darum kontinuierlich zu zeichnen. Selbst wenn ihr nur eine Skizze pro Tag schafft, werdet ihr schon nach einem Monat deutliche Fortschritte sehen. Versucht doch einfach Mal eine 30-Tage-Challenge oder nehmt an einer Monats-Challenge teil (zum Beispiel „Inktober“ oder „Mermay“ bei denen es darum geht, einen Monat lang jeden Tag ein zum Thema passendes Motiv zu zeichnen).

Ich übe mich gerade viel in digitalen Porträts und mache langsam Fortschritte. Aber das hat lange gedauert!

Abzeichnen ist okay – nutzt Referenzen richtig

Die meisten dürften das kennen: Man überlegt sich ein cooles Motiv und will es zeichnen. Vor dem inneren Auge sieht es super aus, aber auf dem Papier stimmt irgendwie gar nichts vom Augenabstand bis zur Körperproportion. Das liegt wahrscheinlich daran, dass eure „visuelle Bibliothek“ noch nicht groß genug ist. Hier speichert euer Gehirn das Aussehen von Dingen. Zeichnet ihr ganz oft Hände, werden sie dort irgendwann sehr deutlich vermerkt sein, in allen Positionen und Perspektiven. Dann könnt ihr eine Hand auch ohne Probleme aus dem Nichts zeichnen und sie sieht realistisch aus. Ist das nicht der Fall, kann euch das aber kaum gelingen. Und weil ihr nicht alles auf der Welt so üben könnt, solltet ihr Referenzen nutzen.

Eine Referenz nutzen bedeutet aber nicht, dass ihr ein Foto 1 zu 1 kopiert. Das könnt ihr machen, dann ist es aber eine Studie und kein eigenständiges Werk. Ich empfehle euch, eine Referenz-Bibliothek zusammenzustellen. Dafür bieten sich eigene Fotos vom gewünschten Motiv an. Oder ihr Nutzt Webseiten wie Pinterest, die euch Bilder-Kollektionen erstellen lassen. Das ist besonders hilfreich bei exotischeren Motiven wie Drachen.

Wollt ihr zum Beispiel einen Hasen zeichnen, sucht ihr euch dort einfach lauter Bilder von Hasen heraus. Studiert genau, wie die Anatomie des Tieres ist, wie sein Fell aussieht, seine Ohren in bestimmten Positionen und so weiter. Für euer Motiv nutzt ihr dann das Wissen aus den unterschiedlichen Bildern, ohne eines davon direkt abzuzeichnen oder ergänzt es um weitere Elemente.

Dieser Anglerfisch ist mit passenden Referenzfotos entstanden. Die Viecher sieht man halt leider so selten in freier Wildbahn.

Macht Studien

Der nächste Tipp schließt hier direkt an. Natürlich ist euer Ziel trotzdem, eine möglichst große visuelle Biblothek aufzubauen. Um das zu erreichen, solltet ihr Studien anfertigen. Studien sind einfach zahlreiche Skizzen eines bestimmten Motivs. Das können Menschen, Tiere, Objekte oder Elemente wie Hände sein. Zeichnet ihr zum Beispiel zwischen 50 und 100 Gesichter und nutzt unterschiedliche Ausdrücke oder Blickwinkel, werdet ihr danach viel leichter ein Gesicht aus dem Kopf zu Papier bringen können. Für die Studien selbst solltet ihr aber Referenz-Bilder oder am besten sogar die echte Welt draußen nutzen.

Nehmt immer ein Skizzenbuch mit

Dieser Tipp lässt sich wunderbar mit den vorherigen Punkten kombinieren: Nutzt ein Skizzenbuch. Ihr könnt euch einfach einen billigen Block oder ein kleines Buch mit weißen Seiten besorgen. Es muss kein teures Papier sein, höchstens ein dickeres, solltet ihr Wasserfarben oder andere Farben nutzen. Beim Arzt im Wartezimmer, beim Warten auf den Bus, beim Entspannen im Park oder in der U-Bahn: Ihr könnt nun immer zeichnen und schnelle Skizzen von den Menschen, Tieren, Gebäuden und Objekten um euch herum anfertigen. Natürlich kann das etwas Überwindung kosten. Wollt ihr nicht, dass andere euch dabei sehen, könnt ihr auch erstmal an ruhigen Orten unbewegte Dinge skizzieren.

Kopiert eure Lieblingskünstler

Geht es um analoge und digitale Zeichnen- und Maltechniken reichen Fotos als Vorlage oft nicht aus. Hier kommen andere Künstler ins Spiel: Ihr könnt die Werke großer Meister wie Rembrandt studieren. Versucht ihr, sie zu kopieren, lernt ihr viel über ihren Aufbau, die Farbgebung und so weiter. Das Gleiche könnt ihr mit euren liebsten modernen Künstlern machen, deren Stil ihr toll findet. Allerdings ist hier Vorsicht geboten: Das Ziel ist nicht, den Stil zu kopieren und zu stehlen. Ihr wollt lediglich davon lernen, um euren eigenen Stil zu entwickeln. Ahmt ihr bekannte Künstler nach, fällt das schnell auf. Das schadet nicht nur eurem Ruf als angehender Künstler, sondern verletzt auch die Rechte dieses Künstlers.

Weil diese Schlange eine Auftragsarbeit war, gingen dem fertigen Motiv viele Skizzen und Änderungen voraus.

Besucht Zeichenkurse und nutzt Online-Tutorials

Ihr erleichtert euch das Lernen enorm, wenn ihr euch nicht alles selbst erarbeiten müsst. Viele Unis, Fachhochschulen oder Volkshochschulen bieten Zeichenkurse und Workshops an, an denen man kostenlos oder gegen Gebühr teilnehmen kann. Hier hat man meistens die Chance echte Aktmodelle zu zeichnen oder direktes Feedback zu erhalten. Gerade wenn ihr eine Mappe für einen künstlerischen Studiengang oder eine Ausbildung zusammenstellt, kann das sehr hilfreich sein.

Eine Alternative für Stubenhocker sind Online-Tutorials, die ich persönlich gerne nutze (Ihh, Menschen!). Allein auf Youtube findet ihr viele interessante Kanäle wie zum Beispiel RossDraws, Markcrilley, JelArts, Draw with Jazza, ericanthonyj oder austin batchelor, die nützliche Tipps und Tutorials anbieten. Auf der Videoplattform gibt es haufenweise kostenlose Zeichenvideos, die teilweise von professionellen Künstlern stammen.

Wollt ihr es etwas strukturierter angehen, helfen sogenannte Skillshare-Plattformen. Hier stellen Menschen mit besonderen Fähigkeiten Kurse online, die ihr gegen Geld besuchen könnt. Manche Seiten bieten Monatsabos an, andere berechnen Preise pro Kurs. Ich nutze Udemy. Hier schwanken die Kurspreise zwischen 10 und 200 Euro. Keine Sorge, eigentlich sind alle Kurse immer heruntergesetzt, sodass man fast jeden für 10 bis 20 Euro erstehen kann. Das sind die Programme auf jeden Fall wert. Sie enthalten zumindest im Zeichensektor ausführliche Tutorials, Übungen und Gruppen, in denen man Feedback von Kursteilnehmern und dem Lehrer erbitten kann. Will man digitales Zeichnen lernen, kann ich die Kurse des Concept Artists Austin Batchelor sehr empfehlen.

Vergleicht euch nur mit euch selbst

Der letzte Tipp ist eigentlich wieder fast so wichtig wie der erste. Denn wenn ihr euch permanent mit anderen vergleicht, ist Frust vorprogrammiert. Jeder Fortschritt wird klein geredet, jeder Erfolg wird zum Misserfolg weil XY es noch immer besser kann. Aber ihr wisst nicht, wie lange und hart derjenige geübt hat. Über Youtube oder Social Media bekommt man eigentlich nur die positiven Seiten mit, nicht die Zeichenblockaden oder amateurhaften Anfangswerke. Und selbst wenn diese Person exakt die gleiche Übung hatte und solange zeichnet wie ihr – sie ist trotzdem jemand anderes und hat einen anderen Lernrhythmus. Braucht ihr länger für etwas, ist das kein Weltuntergang.

Viel effektiver ist, alte Zeichnungen rauszukramen. Schaut sie euch regelmäßig an und vergleicht sie mit neueren Werken. Ihr könnt euch sogar an spaßigen Redraws versuchen und so mehr aus euren alten Kritzeleien herausholen. Dann seht ihr auch deutlich, wie stark ihr euch verbessert habt. Nutzt andere Künstler lieber als Motivation oder Inspiration, wenn ihr gerade lustlos oder ideenlos seid. Irgendwann werdet ihr auch so gut sein, wenn ihr dran bleibt. Aber vergesst darüber nicht, dass Zeichnen vor allem eines soll: Spaß machen.

Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

2 Kommentare zu “Elena erzählt: Besser zeichnen lernen – Tipps für Anfänger

  1. Hey Elena,

    wie immer vielen Dank für deinen Beitrag! Ich versuche schon länger, mal ein bisschen mehr ins Zeichnen reinzukommen, da ich als angehender Game Designer gerne auch mal ein paar Stimmungsskizzen und Concept Drafts zeichnen können würde um die Vision eines Spiels besser rüberzubringen. Mir fehlte da bisher so ein bisschen die Struktur und Strategie zum Lernen, und ich glaube, deine Tipps werden mir helfen, das ein bisschen organisierter anzugehen! 🙂

    ~ Belethil

    1. Freut mich, wenn ich dir da helfen kann! 😀 Dass du Game Design machst, ist ja super cool, als Studium? Ich mache jetzt ja auch Game Art & Animation, also mit künstlerischem Schwerpunkt. ^^

      Hab überlegt vll mehr in der Richtung auf der Seite zu machen. Es geht zwar ein bisschen vom Schwerpunkt weg, aber es macht mir generell Spaß über das Zeichnen zu schreiben, weil ich selbst so viele hilfreiche Tricks und Tipps erst spät gelernt habe. 🙂

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