All Time Favorite – Deus Ex: Gunther Hermann ist ein fantastischer Charakter

Deus Ex ist ein in höchsten Tönen gelobter Klassiker. Und Charaktere wie Gunther Hermann beweisen – völlig zu Recht. Denn er verkörpert perfekt den Kerngedanken des Cyberpunk.

»Laputan Machine«, zwei Worte, die bei den meisten Menschen höchstens Fragezeichen über dem Kopf auslösen, für Gunther Hermann aber sein Ende bedeuten. Die kryptische Wortkombi steht für eine Killphrase, einer Absicherung gegen die Augmentierten im Deus-Ex-Universum. Die Entwicklung dieser teuflischen Erfindung wird in Human Revolution erst aufgedeckt. In Deus Ex ist sie bereits bittere Realität. Sie soll dafür sorgen, dass abtrünnige Augmentierte schnell und unkompliziert erledigt werden können, indem man ihre Gehirnströme über elektrische Impulse zum Erliegen bringt.

Ein Schicksal, das auch Gunther Hermann im Spiel ereilt. Zumindest, wenn der Spieler sich für diesen Weg entscheidet. Obwohl wir zu Spielbeginn noch Kollegen sind, wird er später im Spiel damit beauftragt, mich zu töten. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als den gefährlichen Gegner auzuschalten. Tut man das mithilfe der Killphrase, werden das Gunthers letzte Worte »Ich bin keine Maschine« sein. Und plötzlich wirkt der voher als kaltblütig und skrupellos präsentierte Killer gar nicht mehr so kalt und ich frage mich, warum mir sein Dilemma nicht schon vorher bewusst war. Dieser Moment stimmt mich aber nicht nur zutiefst nachdenklich, sondern zeigt auch, warum Deus Ex zu Recht eines der besten PC-Spiele aller Zeiten ist.

Es hätte mir nämlich bewusst sein können, wenn ich aufmerksamer gewesen wäre. Im ganzen Spiel verteilt gibt es Möglichkeiten Gunther als Charakter näher kennenzulernen und zu begreifen, warum er zu einer augmentierten Tötungsmaschine geworden ist. Als die wird mein Kollege bei der Anti-Terroreinheit UNATCO nämlich zunächst eingeführt: Schon früh im Spiel bekomme ich die Möglichkeit, ihn aus den Händen von Terroristen zu befreien. Statt mir zu danken, fordert er aber nur eine Waffe von mir und mäht wenig später sämtliche Gegner in der Umgebung nieder. Mit Gunther ist definitiv nicht zu spaßen.

Aber hinter dem kaltschnäuzigen Agenten steckt noch viel mehr, als dieser erste Blick vermuten lässt. Denn Gunther ist einer der vielseitigsten und menschlichsten Bösewichte, die ich aus Spielen kenne. Selbst der Grund, warum er meine Spielfigur hasst, erscheint durch und durch plausibel. Außerdem ist seine Geschichte vielleicht die wichtigste im ganzen Spiel. Denn sie spiegelt wider, was Cyberpunk im Kern ausmacht.

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Der Geist hinter der Maschine

Gunther vereint als einzelner Charaktere bereits den entscheidenden Konflikt »Mensch gegen Maschine« in sich. Er steht damit sinnbildlich für das ganze Deus-Ex-Universum – und auch den ganzen Cyberpunk – in dem es fast immer um die Frage nach der Menschlichkeit in Zeiten des Transhumanismus geht. Wie sehr kann ich mich mit Technik modifizieren, ohne mein Mensch sein aufzugeben? Diese Frage geben die Entwickler aufmerksamen Spielern mit Gunther gezielt auf den Weg. Beantworten muss man sie aber selbst.

Da wäre zunächst die geheimnisvolle Phrase, die dem Killer die Lichter auspustet. Was bedeutet der Begriff überhaupt? Die »Laputan Machine« bezieht sich auf die fliegende Stadt Laputa aus dem Roman Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Der setzt sich mit einem ironischen Unterton mit zeitgenössischen Misständen und der Relativität menschlicher Werte auseinander. So besitzen die Laputaner im Buch eine schier unermessliche Vorstellungskraft. Sie sind aber nicht in der Lage, ihre Pläne auch umzusetzen. Alles, was die Ingenieure bauen, ist letztendlich zum Scheitern verurteilt.

Genau wie Gunther Hermann. Egal, wie sehr er nach Perfektion strebt, seine eigene Unvollkommenheit holt ihn immer wieder ein. Sie lässt ihn an sich und seinen Fähigkeiten zweifeln. Auch meine Figur ist daran nicht ganz unschuldig: Ich steuere im Spiel J.C. Denton, einen speziell ausgebildeten UNATCO-Agenten. Der verfügt über sogenannte Nano-Implantate, die seine körperlichen Fähigkeiten beinahe ins Unermessliche steigern. Sie lassen ihn Computer hacken, Projektile abfangen oder doppelt so schnell laufen. Auch Gunther und seine Partnerin Anna Navarre besitzen Augmentierungen – allerdings die altmodische, mechanische Variante. Die kennt man auch von Adam Jensen aus dem Prequel Deus Ex: Human Revolution und dem Nachfolger Mankind Divided.

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Ein Auslauf-Modell

Gunther sieht sich also mit einem jungen Agenten konfrontiert, der rein technisch über ein sehr viel größeres Potenzial verfügt. Deshalb fürchtet er, ersetzt zu werden. Was daran so berührt, ist, dass ein tiefgreifender Schmerz und eine gewisse Urangst des Menschen dahinterliegen: Nicht zu genügen. Gunther wird als jemand beschrieben, der die Welt in Stark und Schwach aufteilt. Richtig oder falsch verliert in diesem Kontext die Bedeutung. Nur Stärke zählt. Deshalb entschließt er sich, über Loyalität zu der Regierungsorganisation UNATCO persönliche Macht zu erlangen. Diese Macht kommt nun aber an ihre Grenzen und Schuld ist sein eigener Körper. Während Held J.C. scheinbar endlos stärker werden kann, kann er sich nicht unendlich modifizieren, ohne jeden Funken Menschlichkeit zu verlieren. Etwas, das stark mit seinem persönlichen Ideal von Macht und Stärke in Konflikt steht.

Dadurch ist Gunther innerlich zutiefst verunsichert. Und das Erstaunliche: Deus Ex schafft es, uns das tatsächlich glaubhaft zu vermitteln. Und das bei einem Charakter mit seltsamem deutschen Namen und noch seltsamerem deutschen Akzent. Bei dem lässt sich auf den ersten Blick nun wirklich keine tiefgreifendere Persönlichkeit erahnen. Hackt man seinem Computer, findet man aber unter anderem eine E-Mail an den hauseigenen Arzt Jamie Reyes. In der hadert er mit seinem Schicksal: »Wir werden auf dem Flohmarkt verkauft werden, alte graue Golems, die Kinder erschrecken sollen.«

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Killermaschine mit Selbstzweifeln

Während das schmerzhaft ehrlich und resignierend wirkt, versucht Gunther andererseits aber weiterhin auf seiner Stärke zu beharren. Begegne ich ihnen auf Missionen, werden er und Anna Navarre immer als unfehlbar und grausam dargestellt, typisch langweilige Antagonisten. Also harte Schale, weicher Kern? Nicht ganz, Gunther verachtet J.C. wirklich als Verräter und will ihn um jeden Preis töten. Sein Handeln oder die Motivation seiner Arbeitgeber hinterfragt er dabei nicht. Natürlich gehört es zu seinem Machtkonzept, einfach Befehle zu befolgen.

Persönlich wird es aber durch den von uns verursachten Tod von Anna. Die hat Gunther vorher vor allem für ihr skrupelloses Vorgehen bewundert. Diese Effizienz ist in seinen Augen pure Perfektion. Schließlich verkörpert sie genau die erbarmungslose Stärke, die er erstrebt. Damit habe ich nicht nur eine gute Freundin, sondern auch seine persönliche Idealvorstellung ausgelöscht. Bei Gunther scheint zumindest noch deutlich mehr Menschlichkeit unter der roboterhaften Fassade zu stecken. Während Anna nie einen Ansatz von Zweifeln zeigt, hadert Gunther immer wieder mit sich und seinen eigenen Zielen.

Das Limonaden-Problem

Auch wenn sich beide Schicksal und Ideale teilen, hat Gunther innerlich mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Das will er um jeden Preis vor Anna verbergen. Seine Angst wird in einem Gespräch im Aufenthaltsraum des UNATCO-Hauptquartiers deutlich. Man kann die beiden hier darüber streiten hören, warum Gunther immer die falsche Limonade aus dem Automaten erhält. Anna behauptet, seine Finger würden einfach immer vom Knopf abrutschen. Er beharrt wiederum darauf, dass ihm jemand einen Streich spielen möchte und gezielt Orangenlimonade gegen die Zitronenvariante austauscht. Das ist nicht nur trivial, urkomisch und irgendwie menschlich, sondern sagt auch viel über Gunther aus.

Im Nachfolger Invisible War kommt übrigens heraus, dass es sich hierbei tatsächlich um eine gemeine Verschwörung handelt – aber das nur so am Rande. Hat man die E-Mails hier noch nicht entdeckt, zeigt der eiskalte Agent vom alten Schlag hier zum ersten Mal eine Schwäche. Und die könnte tatsächlich mehr sein, als bloße Ungeschicktheit: Anna vermutet die Schuld bei der Modifikation seiner Finger. Die macht sie länger und damit für solche Alltagstätigkeiten unbrauchbar. Gunthers Kampf wirkt so ein Stück weit sinnlos und wird sogar ins Lächerliche gezogen. Je mehr er sich in seinem Streben nach Stärke und Anerkennung verbessert, desto mehr Abstriche muss er an anderen Stellen machen. Er muss Schwäche zulassen. Für jeden Zentimeter, den er mehr zur Maschine wird, verliert er ein Stück Menschlichkeit.

BreakRoom

Jeder ist eine Laputan Maschine

Er wird tatsächlich zur »Laputan Machine«, die ihren eigenen aberwitzigen Plänen niemals gerecht werden kann. Regelmäßig fordert er neue und verrücktere Modifizierungen und Waffen an, wie beispielsweise eine mehrmals erwähnte Schädel-Kanone (Skull-Gun). Die soll ihm helfen, ohne Arme zu töten. Sie findet sogar in Deus Ex: The Fall, das ebenfalls vor Deus Ex spielt, noch einmal explizit in einer E-Mail an Schurke Namir Erwähnung. Aber so abgedreht das Konzept auch klingt, im Kern ist jeder ein Stück weit eine »Laputan Machine«. Denn jeder wird mitunter seinen eigenen Ansprüchen oder den Ansprüchen der anderen nicht gerecht. Große Ideen oder Träume zerplatzen plötzlich an der Realität.

Also ja, Gunther ist sicherlich kein guter Kerl: Er hat Spaß am töten, verachtet alles Schwache und scheint zumindest bereit, seine Menschlichkeit dafür zu opfern. Aber er bleibt immer so viel Mensch, dass er an diesem Weg zweifeln kann und es auch tut. Sein Wunsch nach Anerkennung, Selbstzweifel oder Unsicherheit sind zutiefst menschliche Gefühle, die einen Charakter greifbar machen. In der Welt gibt von Deus Ex gibt es eben kein Schwarz-Weiß. Ob NSF, UNATCO, Illuminaten oder Majestic12, alle Organisationen im Spiel sind in zahlreiche Verschwörungen verwickelt und wollen den Spieler von ihren Ideen überzeugen. Statt einfach die gute Seite zu wählen, muss ich mit ernsten Konsequenzen leben.

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Kein gewöhnlicher Gegner

Ich muss schwere Entscheidungen treffen. Und ich muss lernen, dass man eben nicht alle retten kann in einer Welt, die von Grund auf ausgebeutet, heruntergewirtschaftet und korrupt ist. Und genau das findet sich auch in Gunther Hermann wieder: Ich möchte ihn gerne einfach als meinen Feind sehen und das habe ich anfangs auch. Aber Deus Ex weiß das und spielt geschickt damit. Es macht mich wütend auf ihn, lässt mich ihn vielleicht sogar hassen. Aber es lässt mich auch anerkennen, dass er seinen Zielen treu bleibt. Zuletzt empfinde ich sogar Mitleid mit ihm und frage mich, ob es seinen anderen Weg gegeben hätte.

Gunther fiebert dem Endkampf mit mir regelrecht entgegen und lobt mich sogar auf dem Schlachtfeld, obwohl er mich hasst. Er kann eben nicht anders, als Stärke zu respektieren. Man kann aber auch einen Tagebucheintrag finden, der erklärt, dass man ihn die Nacht davor weinen hören konnte. Mit einer tiefen Leidenschaft gehen oftmals auch starke Gefühle wie Verzweiflung oder Wut einher, da man sie sonst wohl kaum so empfinden könnte. Das Gefühlsventil lässt sich nicht nur auf eine Seite aufdrehen.

Am Ende stirbt Gunther auch als Mensch und nicht nur als Maschine. Dabei ist nicht wichtig, ob Gunther in diesem Moment eingesehen hat, dass ihm seine Menschlichkeit etwas bedeutet und er sie nicht mit Schwäche gleichsetzen muss. Vielleicht widersetzt er sich auch nur trotzig seinem eingebauten »Ausschalter«. Gunthers Tod dürfte auch in unaufmerksamen Spielern etwas ausgelöst haben oder zumindest Fragen aufwerfen, bevor sie weiterziehen. Damit zeigt Deus Ex hier, dass ein Spiel uns nicht immer mit der Nase auf alles stoßen muss. Manchmal reicht schon ein subtiler Hinweis, um eine großartige Geschichte zu erzählen. Und Deus Ex ist ein wahrer Meister darin.

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Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

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