Violet Evergarden: Vom Schmerz und Glück des Erinnerns

Der Anime Violet Evergarden erzählt eine Geschichte über das Erinnern. Die ist am stärksten, wenn er überhaupt nichts sagt.

Der 13 Episoden lange Anime Violet Evergarden sticht auf Netflix vor allem durch seine Optik heraus. Schatten, Licht und funkelnde Augen, alles sieht fantastisch aus. Wenn jeder Screenshot ein Bildschirm-Hintergrund sein könnte, braucht es beinahe schon keine Geschichte mehr. Tatsächlich kommt die Story von Violet Evergarden sehr geradlinig und ohne große Überraschungen daher. Sie plätschert einfach so dahin. Was den Anime für mich trotzdem herausragend macht ist aber weder die Optik, noch der Plot. Es ist das, was nicht erzählt wird, aber der Zuschauer unweigerlich spürt.

In Violet Evergarden begleite ich die gleichnamige Protagonistin. Sie ist eine ehemalige Kindersoldatin, die beim Versuch, ihren vorgesetzten Major zu beschützen, beide Arme verlor. Fortan trägt sie Eisenprotesen, die optisch im krassen Gegensatz zu ihrem unschuldigen Aussehen stehen. So starren sowohl Zuschauer, als auch Charaktere ungläubig, wenn das junge Mädchen ihre Handschuhe ablegt und damit ein Stück ihrer Vergangenheit offenbart. Das Motiv einer unschuldigen Killermaschine ist im Anime allerdings nicht neu, wenn man an Elfenlied und Co. denkt.

Als »Soldatenpüppchen« metzelte Violet unzählige Gegner nieder. Doch jetzt ist der Krieg vorbei und sie könnte ein normales Leben führen – wenn sie je gelernt hätte, wie das funktioniert. Violet wurde von Anfang an wie ein Werkzeug behandelt. Nur ihr Major sah sie als einen Menschen, gab ihr einen Namen und wollte ihr ein Leben nach dem Krieg ermöglichen. Allerdings erfährt man gleich zu Anfang, dass er verschollen ist. Violet ist nun auf sich gestellt und setzt alles daran, die rührenden letzten Worte ihres Kampfgefährten zu begreifen: »Ich liebe dich«.

Violet fällt es anfangs schwer, menschliche Gefühle zu begreifen. Sie kann nur Befehle ausführen.

Leben heißt erinnern

Violet begibt sich also auf die Suche danach, was Leben und Liebe überhaupt ausmacht. Sie wird eine AKORA, eine Schreib-Assistentin, die Briefe für Klienten verfasst und austrägt. Sie lernt, dass Briefe dazu da sind, die Gefühle der Menschen in Worte zu fassen. Eine AKORA muss also dazu in der Lage sein, Gefühle wie Liebe zu erkennen und verstehen. Scheitert sie anfangs noch kläglich daran, beginnt sie durch ihre Begegnungen nach und nach zu begreifen, was es heißt, menschlich zu sein. Auf ihrer Reise trifft sie zahlreiche Figuren, die mal vom Krieg geplagt sind und mal vom Alltag. War Violet anfangs noch kühl und distanziert, zerbricht ihre harte Schale immer mehr und macht echtem Mitgefühl und Schuldgefühlen Platz. Darf sie traurig sein, wenn anderen Menschen viel Schlimmeres widerfahren ist? Hat sie überhaupt ein Recht zu leben, wenn sie anderen Menschen so viel genommen hat?

Das Interessante an Violet Evergarden ist aber das, was zwischen den Zeilen erzählt wird. Was der Anime eigentlich sagen möchte, kommt am besten dann raus, wenn er überhaupt nichts sagt. Mehr als alles andere ist Violet Evergarden eine Geschichte über das Erinnern. Darüber, dass unsere Erinnerungen uns zu dem machen, was wir sind, seien sie schön oder schmerzhaft. Und darüber, dass ein Verlust nicht bedeutet, das jemand wirklich weg ist. Wir sind Menschen, weil wir all diese Dinge niemals loslassen.

Violet lernt mit der Zeit sentimentale Dinge wie das Hundestofftier wertzuschätzen.

Der Wert der Gefühle

So bringt der ehemalige Soldat Hodgins, der zu Violets neuem Vormund wird, ihr anfangs ein Stofftier mit. Violet erkennt den sentimentalen Wert nicht, der niedliche kleine Plüschhund ist für sie völlig nutzlos. So wenig versteht sie davon, ein normales Kind zu sein. Trotzdem behält sie ihn. Jedes Mal, wenn ich als Zuschauer ihr Zimmer betrete, sehe ich den kleinen Hund. Liegt er anfangs noch in der Ecke, nimmt sie ihn später in die Hand und platziert ihn schließlich gut sichtbar auf ihrem Tisch.

Mit der Zeit erhält Violet immer mehr solcher Erinnerungsstücke. Zum Beispiel den blauen Sonnenschirm eines Autoren, dem sie über seine Schreibblockade hinweghilft. Er lehnt nach der zugehörigen Episode an ihrem Schreibtisch, wenn sie nicht gerade damit spazieren geht. Und natürlich trägt sie die ganze Serie über das wohl wichtigste Memento an ihrem Körper: Die Brosche, die ihr geliebter Major ihr schenkte. Das erste Objekt, das ihr wichtig war, ohne dass sie den Sinn dahinter begreifen konnte. Ohne dass man es sagt, sehe ich so, wie diese Dinge nach und nach einen emotionalen Wert für Violet bekommen. Sie sind nicht nur nützlich oder praktisch, sie bedeuten ihr etwas. Das ist es, was für mich Violets Entwicklung wirklich begreiflich macht, mir zeigt, dass sie menschlicher geworden ist.

Indem Violet anderen darüber hinweghilft, lernt sie auch mit ihrem eigenen Schmerz klarzukommen.

Traurig und wunderschön

Violet lernt so mit der Zeit, das Erinnerungen etwas Positives sein können. Anfangs verkörpern sie noch etwas Schmerzhaftes, das sie innerlich brennen lässt. Weil sie sich nicht an den Krieg oder ihren Verlust erinnern will, wehrt sich ihr innerer Schmerz umso heftiger gegen das vergessen werden. Doch als AKORA trifft sie immer wieder auf Menschen, die das Gleiche durchmachen. Sie haben etwas unwiderbringlich verloren und müssen jetzt damit weiterleben. Sei es die Zeit vor dem Krieg, als man noch eine glückliche Familie war, die erste Liebe, die einen zurückgewiesen hat oder ein Versprechen, das man nie einlösen konnte. Violet hilft den Menschen dabei, das zu akzeptieren, was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht kann. Durch ihre Briefe schließen sie damit ab und können weiterleben. Erst ganz zum Schluss gelingt es ihr auch selbst, die eigenen Erinnerungen ruhen zu lassen und nach vorne zu blicken. Sie entscheidet sich, trotz allem glücklich zu sein. Das Erlebte ist dann keine Geißel mehr, es hat sie zu der gemacht, die sie ist.

Umso schöner ist es, dass sie am Ende noch einmal alle Orte vor ihrem inneren Auge sieht, die sie – und damit der Zuschauer – besucht hat. Wieder versteht man ohne Worte, was diese Stationen bedeuten. Als Zuschauer bin ich in diesem Moment selbst in wehmütiger Erinnerung gefangen. Ich fühle das gleiche wie Violet, die ihren Weg Revue passieren lässt. Ich spüre ihre Melancholie, weil ich mich an all die traurigen Geschichten erinnere, aber auch die Freude darüber, das es nicht umsonst war. Denn Violet ist am Ende nicht mehr dieselbe.

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Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

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