Keine Cheats für die Liebe: Mehr als Nerd-Klischees

Wotakoi – Keine Cheats für die Liebe rückt Nerds und ihre Beziehungsprobleme in den Fokus – und überzeugt damit deutlich mehr als The Big Bang Theory.

Mit der Bezeichnung Nerd kann ich eigentlich nicht viel anfangen. Dabei bin ich wohl das Extrembeispiel eines Nerds, habe ich doch mein Leben privat und beruflich Spielen, Comics, Animes und so weiter verschrieben. Genauso wenig sehe ich mich aber als Gamer, als Geek, als Cineast oder Otaku. Ich bin einfach jemand, der diese Dinge genießt, ohne gleich eine Bezeichnung oder Gruppe dafür zu brauchen, der ich mich zuordnen kann.

So etwas lädt regelrecht zu Klischees ein und sorgt dafür, dass ich mir seit der dritten Staffel von The Big Bang Theory nicht anders behelfen kann, als regelmäßig mit den Augen zu rollen. Schließlich wird man als »Nerd« nicht plötzlich zu einer bestimmten Art Mensch, nur weil man gerne zockt oder in Mangas schmökert. Und der Witz, dass Nerds Computerspiele lieber mögen als Menschen, sollte sich auch irgendwann abnutzen. Natürlich entwickeln sich die Figuren hier mit der Zeit, gehen Beziehungen ein und so weiter – die Grundprämisse scheint aber immer gleich zu bleiben. Deshalb war ich zuerst skeptisch, als ich die Prämisse von Wotakoi las.

Der Anime Wotakoi – Keine Cheats für die Liebe ist hierzulande auf Amazon Prime verfügbar. Er umfasst bislang 11 Episoden in einer Staffel, von denen aktuell 6 beim Streaming-Dienst abrufbar sind. Da die japanische Erstaustrahlung erst im April 2018 erfolgt ist, dürften die restlichen Folgen aber noch nachkommen. Der Anime basiert auf dem gleichnamigen Manga von Fujita und erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die unbedingt verbergen will, dass sie ein Nerd ist. Mit ihrem exzessiven Fan-Verhalten bei Mangas und insbesondere Boy-Love-Storys hat sie bislang nämlich alle Männer abgeschreckt.

Ganz normale Nerds

Was jetzt kommt, ist aber keine Sammlung an seltsamen Nerd-Klischees, die in humorvollen Szenen abgespielt werden, während Narumi ihre Identität geheim halten wird. Das gelingt ihr nämlich nicht einmal eine Episode lang. Kaum tritt sie durch die Tür ihrer neuen Firma, trifft sie ihren Kindheitsfreund Hirotaka, der sie prompt entlarvt. Die beiden trinken und zocken anschließend ihren Frust weg und Hirotaka schlägt vor, sie solle doch einfach ihn wählen, wenn sie kein Glück mit Männern habe.

Hier zeigt Wotakoi, wie man es richtig macht: Statt Nerd-Klischees in den Vordergrund zu rücken, werden sie nicht mehr als eine Eigenschaft der Figuren. Was wirklich im Vordergrund steht sind ihre Beziehungen, ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen. Zwischen Narumi und Hirotaka entwickelt sich eine Liebesgeschichte voller Sorgen und Probleme, aber auch wundervoller Glücksmomente, wie sie jeder kennt – egal, ob Nerd oder nicht. Dass die beiden beim Aufstehen eine Runde Monster Hunter XX auf der Nintendo Switch spielen, ist nur ein Aspekt ihrer Beziehung und ein sympathisches Details für spielende Zuschauer (yey!).

Narumi und Hirotaka mögen eigentlich das gleiche, ihre Beziehung hat es trotzdem nicht immer leicht.

Dieser verdammte Rubin!

Genauso glaubhaft wird die Beziehung ihrer beiden Kollegen Kabakura und Koyanagi dargestellt, die sich als Manga-Fan und Cosplayerin herausstellen. Natürlich gibt es hier humorvolle und klischeehafte Momente, zum Beispiel wenn Koyanagi unbedingt will, dass ihr Liebster im Cosplay posiert. Aber es gibt auch ernste Momente, in denen Koyanagi fürchtet, nicht mit den sexy Manga- und Cosplay-Idolen ihres Freundes mithalten zu können. Oder wenn Narumi ihre Beziehung anzweifelt: Hat sie es sich leicht gemacht, weil normale Männer keine verrückten Manga-Liebhaberinnen haben wollen?

Zwischen den vieren entsteht eine wunderbare Freundschaft, die genau die richtigen Töne zwischen Comedy und Ernst trifft. Statt von Nerd-Klischees genervt zu sein, freue ich mich so über Anspielungen auf meine liebsten Hobbys. Auch weil die Serie sie jederzeit ernst nimmt: Wenn die Helden Monster Hunter oder Mario Kart spielen, sind nicht nur Geräusche, Controller, Spielweise und Bildschirminhalte authentisch. Unterhalten sich die Figuren, merke ich, dass sie verstehen, wovon sie reden. So jammert Narumi an einer Stelle rum, dass sie einfach keinen Rubin bekommt – ein Problem, das viele Monster-Hunter-Spieler kennen dürften.

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Mehr als sexy

Zudem gefällt mir die Darstellung der weiblichen Figuren. Es gibt natürlich die obligatorischen großen Brüste, die gerne mal zum Thema werden (Koyanagi). Aber das ist eher ein kleiner Fanservice-Gag und wird eher als Comedy-Element genutzt als erotisch. Koyanagi muss mit ihrer beeindruckenden Oberweite nämlich keine sexy Girls in knappen Kostümen cosplayen. Sie verkleidet sich am liebsten als Mann und wird damit eher zum Hingucker für Frauen. Narumi wiederum ist weder ein verführerisches Gamer Girl noch ein Casual-Candy-Crush-Zocker. Sie darf wie eine normale Frau einfach spielen was sie will, Bier trinken und mit Hirotaka Fachbegriffe um sich werfen. Sie ist tatsächlich jemand, mit dem ich mich sehr gut identifizieren kann – und das als Frau auch möchte.

Wotakoi verzichtet auf die Chance, ständig knappe Cosplays zu zeigen.

Damit ist Wotakoi für mich schon jetzt eine bessere »Nerd-Serie« als The Big Bang Theory – eben weil es nicht nur ums Nerd sein geht. Es geht darum anspruchsvolle Hobbys, schwierige Beziehungen und einen stressigen Arbeitsalltag unter einen Hut zu bringen. Oder darum, damit zu hadern eine bestimmte Seite an sich zu akzeptieren und sie offen und selbstbewusst zu zeigen. So geht es doch irgendwie uns allen hin und wieder, oder nicht?

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Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

5 Kommentare zu “Keine Cheats für die Liebe: Mehr als Nerd-Klischees

  1. Meine Freundin hat mich drauf gebracht. Ich war erst sehr skeptisch, weil ich mit Romanzen-Anime eigentlich nichts anfangen kann, aber ich möchte den Anime auch nur weiterempfehlen. Nun warte ich sehnsüchtig auf die nächsten Folgen und hab solange den Ohrwurm des Todes vom Intro-Lied 😉

    1. Haha weiß was du meinst, habs grad beim Lesen wieder im Ohr gehabt. 😀 Da fällt mir ein… ich muss nach ner neuen Folge schaun!

  2. Zu Beginn war ich ein wenig skeptisch, weil ich platten Nerd Slapstik erwartet habe. Dann hat sich die Serie aber, wie Du viel schöner als ich hier beschrieben hast, als sehr unterhaltsame und sogar immer mal rührende Geschichte von 4 Freunden entwickelt, die ich einfach gerne sehe.
    Auf jeden Fall zu empfehlen! 🙂

    1. Freut mich, dass sie dir gefällt! 🙂 Ich war ähnlich skeptisch, gerade wegen The Big Bang Theory und so, was mich nicht wirklich anspricht. Hab mich aber zum Glück trotzdem rangewagt. 😀

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