Storytime: Assassin’s Creed: Origins – Mehr Vater als Assassine

Bayek - Assassin's Creed: Origins

Assassin’s Creed: Origins hat mich als erster Teil der Reihe seit langem wieder mit seiner Geschichte überzeugt – dank Hauptfigur Bayek.

Nach gut 60 Stunden ist meine Reise durch das alte Ägypten zu Ende. Ich habe zwar noch nicht jedes Banditen-Camp geplündert und jeden Schatz aufgespürt, aber es fühlt sich einfach wie ein Abschluss an. Das liegt vor allem an der Story von Assassin’s Creed: Origins. Die ließ mich zum ersten Mal wieder richtig mitfiebern. Das ist Assassin’s Creed in meinem Fall seit der Ezio-Trilogie nicht mehr gelungen (ausgenommen vielleicht mein heimliches Lieblings-AC Rogue) und Bayek ist für mich sogar ein deutlich besserer Charakter als der italienische Draufgänger.

Dabei sind die beiden sich auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich. Beiden ist Schlimmes widerfahren, wofür sie sich rächen wollen. Und auf dem Weg werden sie zu berüchtigten Assassinen. Bei Bayek hat mich aber beeindruckt, dass er sich durchweg selbst treu bleibt. Er ist kein Jungspund, der in die Rolle des Assassinen hineinwächst. Er ist bereits, der er sein muss und kämpft vielmehr darum, das nicht zu verlieren.

Anfangs war ich allerdings skeptisch. Im September 2017 sprach ich für die GameStar mit Narrative Director Matthew Zagurak und war wenig überzeugt. Bayek sollte erwachsen sein, ausgereift, aber trotzdem einer persönlichen Rachegeschichte folgen. Das klang irgendwie langweilig, ein Stück weit überholt, ein bisschen wie ein alter Ezio.

Ein Glück kam es anders. Das hat für mich beim Spielen vor allem einen Grund: Die Art, wie die Autoren seine Geschicht erzählen. Denn eigentlich ist sie altbekannt. Aber mir wird das meiste davon nicht ständig ins Gesicht gedrückt. Viel in Assassin’s Creed: Origins wird mir auf subtile Weise erzählt. Mal nur impliziert, mal nach dem „Show Don’t Tell“-Prinzip angedeutet. So kann ich Bayeks Gefühle viel besser nachvollziehen und fühle mich ihm nahe.

Eine Reise in Bildern: Meine besten Schnappschüsse aus Assassin’s Creed: Origins

Bayek und Khemu beim Bogenschießen
Bayeks Beziehung zu seiner Heimat und seinem Sohn wird entscheidend für die Geschichte.

Ich bin ein Ägypter!

Und damit meine ich nicht, dass das Spiel mir nicht ständig sagt, dass wir Rache nehmen müssen – das tut es. Genauso wie die Bösen eben einfach nur böse sind und schlimme Dinge tun – Templersache eben. Aber die wahre Erzählung spielt sich abseits von diesem großen Konflikt ab. Man sieht zum Beispiel Bayeks Verbundenheit zu seinem Heimatland Ägypten. Als letzter Medjay ist es seine Aufgabe, die Menschen dort zu beschützen. Die Bevölkerung vertraut ihm, kommt zu ihm und Bayek hilft. Er ist skeptisch gegenüber Römern und Griechen, die das Land besetzen und hilft Ägyptern, wo er kann.

Durch die Art, wie er mit den Menschen interagiert, merkt man, wie wichtig ihm seine Heimat ist. Selbst Tiere wie Krokodile respektiert er (zumindest innerhalb von Missionen, ich kann natürlich Krokodiltaschen in Massenproduktion anfertigen) und zeigt sich sichtlich verärgert, wenn jemand die Götter Ägyptens – seine Götter – angreift.

Diese starke Verbundenheit macht den Charakter für mich glaubhaft. Er ist nicht einfach jemand, der in diese Welt geworfen wurde und sonst keinen Bezug dazu hat. Er ist in ihr spürbar zuhause, keine reine Spielfigur. Für die restliche Argumentation muss ich leider ein paar Spoiler anbringen, seid also vorgewarnt! Denn Bayek ist nicht nur Medjay, er ist in erster Linie Vater. Von ganzem Herzen. Umso schrecklicher trifft es ihn, als zu Spielbeginn sein Sohn Khemu ermordet wird. Und auch später begleitet ihn diese Rolle immer wieder auf seinem Weg. Denn Bayek wird im Spiel für viele Kinder zur Vaterfigur, beschützt sie, rettet sie, spielt mit ihnen.

Immer wieder sieht man, wie sehr er Kinder liebt und seinen Sohn vermisst, ganz subtil. Als er zum Ende des Spiels die Hand eines kleinen Junge nimmt und ihn nach Hause bringen will, wird mir bewusst, dass das wirklich der wichtigste Punkt der Geschichte ist. Bayek ist ein Vater. Der Vater eines Sohnes und der Vater der Assassinen, aber in erster Linie ein Vater, ein Beschützer, kein Mörder.

Ein Opfer für das große Ganze

Umso tragischer, dass genau daran die Beziehung mit seiner Frau zerbricht. Denn während Aya nach vorne blickt und Größeres sieht, bleibt Bayek ein Relikt aus der Vergangenheit. Der Wächter eines sterbenden Landes, eines Ägyptens, das sich von innen heraus selbst aufrisst. Aya erkennt nach der erfolgreichen Rache, dass es mehr da draußen gibt, mehr Unheil zu bekämpfen. Also zieht sie aus, um den Rest der Welt von den Templern zu befreien, Despoten zu stürzen und die Assassinen zu einen. Aber Bayek kann das nicht. Er schwört dem Orden die Treue, kann Ägypten und seinen Sohn aber nie zurücklassen.

Die beiden gehen getrennte Wege. Etwas, das mich härter getroffen hat, als ich erwartet hätte. Gerade, weil ich es nicht erwartet habe, es sich aber richtig anfühlt. Denn auch hier geht Origins geschickt vor. Anfangs wird die Beziehung der beiden schön aufgebaut. Sie wirken unzertrennlich, fast schon turtelnd, stark in ihrer gemeinsamen Aufgabe und Liebe. Doch dann schließt Aya sich Kleopatra an und will ihr auf den Thron helfen – alles, um die Mörder unseres Sohnes zu vernichten und Ägypten von den Römern zu befreien. Bayek sieht sie immer seltener. Mit jeder Mission verspricht sie ihm, dass es besser wird, wenn beide ihre Pflicht getan haben. Doch am Ende wird klar: Das wird es nicht. Denn während die beiden Gerechtigkeit für Khemu gefunden haben, ist ihre Liebe daran zerbrochen. Sie haben vielleicht Frieden gefunden, aber auch Einsamkeit.

Das Ende hat mich so wunderbar wehmütig hinterlassen in seiner Melancholie. Denn während so viele Geschichten auf Rache oder große Heldentaten setzen, schaffen es längst nicht alle, ihre Schatten und Opfer aufzuzeigen. Letztendlich haben sich beide dadurch in einem noch größeren Kampf verstrickt und dabei das verloren, was ihnen nach dem Tod ihres Sohnes noch geblieben war. Damit erzählt mir Origins nicht nur von Helden, sondern vor allem von Menschen.

Bayek und Aya
Die Trennung von Bayek und Aya schmerzt, weil sich das Spiel vorher Zeit für ihre Beziehung genommen hat.

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Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

2 Kommentare zu “Storytime: Assassin’s Creed: Origins – Mehr Vater als Assassine

  1. Origins hat tatsächlich nach Ezio den sympathischsten und interessantesten Helden. Die Vater/Sohn Momente gehören für mich auch zu den stärksten Storymomenten, der Rest dümpelt aber storytechnisch meiner Meinung nach zu sehr dahin.
    Gerade den Ursprung der Assassinen erklärt das Spiel leider sehr unbefriedigend und das Ende hat mich dann doch ziemlich enttäuscht (ok, der Soundtrack hat noch etwas gerettet).
    Mich hat Origins in erster Linie in den kleinen Momenten und der tollen Welt überzeugt.
    Viele Dinge passieren einfach so am Wegesrand oder werden durch Zufall entdeckt, wodurch die ohnehin beeindruckende Open World noch immersiver rüberkommt.
    Bayeks doch recht vernunftorientierte Ansichten kamen gerade in den vielen Nebenaufgaben und Nebensätzen die er einfach so in der Menschenmenge droppt gut rüber. Dadurch konnte ich mich sehr gut mit ihm identifizieren. Kurz, der ägyptische Alltag und der antike Zeitgeist, welcher von Bayek stets mit einem kritischen und melancholischen Auge betrachtet wurde, sind mein Story Highlight neben den bereits erwähnten Vater Sohn Momenten.
    Meine Erwartungen an die Assassinen Thematik hat das Spiel storytechnisch aber leider nicht erfüllt.

    1. Da geb ich dir recht, mich hat auch vor allem die persönliche Geschichte mitgerissen. Ich fand Bayek nicht nur sehr sympathisch und seine Motivation nachvollziehbar, er hat auch toll reingepasst, weil es bei ihm einfach Sinn macht, dass er X Aufgaben für irgendwelche fremden Leute erledigt. Die Assassinen-Geschichte ist dabei etwas in den Hintergrund getreten, was auch daran liegen könnte, dass man eben bei den ganzen Nebenaufgaben viel Kram macht, was nicht unbedingt etwas mit der Hauptgeschichte zu tun hat. 🙂

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