Monster Hunter World: Wer ist hier der Böse?

Rathalos und Jäger aus Monster Hunter World

Ich bin süchtig nach Monster Hunter World, erlege täglich haufenweise Kreaturen, habe eine Menge Spaß und fühle mich trotzdem schlecht dabei. Denn irgendwie komme ich mir nicht wie der Gute vor.

Während mir Monster Hunter Ultimate 4 auf dem DS schon eine Menge Freude bereitet hat, hat Monster Hunter World mich endgültig abgeholt. Der neue Serienteil bringt die Reihe auf die leistungsfähige PS4 und verpasst ihr damit nicht nur einen neuen Anstrich, sondern auch eine deutlich angenehmere Steuerung. Während ich vorher oft eher gegen meine Finger und die Kamera kämpfen musste, kann ich mich jetzt endlich hauptsächlich den eigentlichen Aufträgen stellen. Ganz zu schweigen von zahlreichen einsteigerfreundlichen Neuerungen im Spieldesign, die trotzdem keineswegs den Schwierigkeitsgrad senken.

Eigentlich müsste ich als neuer Fan also rundum glücklich sein. Eine Kleinigkeit lässt mich beim Spielen aber nicht mehr los: Warum jagen wir überhaupt Monster? In den meisten Fällen vermitteln Spiele mir hier ein klares Weltbild: Ich bin die Gute und muss die bösen Monster, Nazis, Verbrecher, Aliens, Magier und so weiter auslöschen. Denn sie sind selbstverständlich böse und tun böse Dinge. Mal wird mir das gezeigt, mal erlebe ich es am eigenen Leib, mal wird mir zumindest davon berichtet, damit das Feindbild auch wirklich klar ist.

In Monster Hunter World ist das anders. Das Spiel macht meine Aufgabe klar, ich soll Monster jagen. Aber ein Feind existiert damit nicht automatisch. Je länger ich spiele, desto bewusster wird mir, dass es hier eigentlich keinen Bösen gibt. Ich kämpfe nicht gegen eine höhere Macht oder ein Unrecht und will die Welt verbessern. Ich mache einfach nur meinen Job, ohne ihn moralisch zu hinterfragen.

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Vom Jäger zum Gejagten

Richtig bewusst wird mir das auf der Jagd nach einem Kulu-Ya-Ku, eine Art Mischung aus einem Raptor und einem Dodo. Obwohl die Kreaturen clever genug sind, Werkzeuge wie Steine zu benutzen, wirken sie die meisten Zeit etwas dümmlich und verloren. Und kein bisschen aggressiv. Zumindest hat mich noch kein Exemplar dieser Art von alleine angegriffen. Im Gegenteil, jedes Mal stapfte der Riesenvogel fast vorsichtig an mir vorbei und würdigte mich keines Blickes.

Griff ich ihn an, versuchte er verzweifelt, sich zu verteidigen. Die Geschichte setzt sich wie bei allen Monstern fort: Irgendwann beginnt er zu schwitzen und zu keuchen und flieht in sein Nest, um sich zu heilen. Dort kann ich ihn friedlich schlummernd erneut attackieren. Je mehr Schaden ich austeile, desto wehmütiger und erbärmlicher wird das Bild, dass mir die gegnerischen Monster bieten. Selbst Giganten wie Anjanath verkommen zu wimmernden Geschöpfen, die mich fast um ihr Leben anzuflehen scheinen.

Nein, böse wirken die Monster so wirklich nicht. Warum können wir nicht einfach friedlich mit ihnen zusammenleben? Die Antwort liefert zunächst einmal die Realität: Weil wir nun einmal Jäger sind, die seit jeher Tiere nutzen. Sei es für ihr Fleisch, ihr Fell, ihr Leder oder anderen praktische Eigenschaften. So ist es zum Teil auch in Monster Hunter: Wir töten die Kreaturen, um ihr Fleisch zu essen oder uns bessere Ausrüstung aus ihnen zu schmieden.

Der Kulu-Ya-Ku wirkt eigentlich wie ein friedliches Geschöpf.

Ungünstige Nachbarschaft

Ein weiterer Punkt wäre natürlich die Sport- oder Trophäenjagd. Das muss man nicht gutheißen, für manche Menschen bietet sie aber nun einmal einen Anreiz. Oder es geht um das gezielte dezimieren bestimmter Bestände, wie das heute zum Beispiel bei Rehen geschieht, weil sie über keine natürlichen Feinde wie Wölfe mehr in diesen Gegenden verfügen. Die Jagd an sich rechtfertigt also schon ein Stück weit das Töten der Monster. Hinzu kommt, dass mir bei manchen Quests tatsächlich ein Grund angegeben wird.

Im Fall von Kulu-Ya-Ku und Anjanath soll ich eine mögliche Bedrohung für das Camp in dieser Gegend beseitigen. Auch sonst wird in der Serie immer wieder von Angriffe von Monstern auf Dörfer oder Menschen berichtet. Egal ob proviziert oder nicht, ein Stück weit dient die Jagd also auch dem Schutz der Bevölkerung. Das alles kann man sich relativ leicht erschließen. Ich wünschte nur, Monster Hunter würde mir mehr davon im Spiel zeigen.

Kein Job für Helden

Im neuen Monster Hunter führt uns die Story als Abenteurer in die neue Welt. Wir bewundern ihre Schönheit und auch die Kreaturen, die in ihr Leben. Und töten sie trotzdem kompromisslos und ohne es zu hinterfragen. Dabei entsteht hier ein spannender Konflikt. Müssen wir die Monster wirklich töten? Dürfen wir es so leichtfertig, obwohl wir die Eindringlinge sind? Monster Hunter zeigt durchweg einen Menschen, der sich einfach nimmt, was er will und sich die Natur zu eigen macht. Selbst, wenn wir Monster nur fangen, stecken wir sie danach in eine Arena, um sie dort zu erlegen. Wir erforschen die Monster zwar und lernen mehr über sie, aber die Schlussfolgerung scheint immer die gleiche zu sein: Sie müssen weg.

Mir geht es nicht darum, das zu verurteilen. Ich will kein Friede-Freude-Eierkuchen-Monster-Hunter, in dem ich durch den Wald tänzle, Fotos mache und anschließend einen Salat esse. Dafür macht mir das Spielkonzept viel zu viel Spaß. Aber ich finde, dass die Reihe hier viel Potenzial liegen lässt. Man hätte die Monster schließlich problemlos als brutale Bestien darstellen können, die alles und jeden niedermähen. So sind sie einfach nur sehr große Tiere.

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Gerade weil das so ist, weil es keine Bösen gibt, wünsche ich mir, es würde mehr dahinterstecken. Ich wünsche mir, dass zukünftige Spiele das aufgreifen, hinterfragen und vielleicht dem Spieler noch deutlicher vor Augen führen, was er da gerade tut. Für mich haben die oben aufgeführten Kleinigkeiten zumindest dafür gereicht, dass ich mit einem ganz anderen Bewusstsein an das Spiel herangehe. Während ich in vielen Spielen einen Helden verkörpern darf, bin ich in Monster Hunter keiner.

Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

4 Kommentare zu “Monster Hunter World: Wer ist hier der Böse?

  1. Wie gewohnt ein gleichermaßen nachvollziehbarer und interessanter Artikel 🙂 ‚Motivation in Spielen‘ scheint als Thema auch wirklich ergiebig.

    Das elementare Problem scheint mir zu sein, dass Jagdspiele mit ihrem Grundmythos
    nur eine kleine Zahl von Menschen ansprechen. Fast jeder Spieler verkörpert gerne einen ‚heroischen Streiter für Gerechtigkeit und wider Fieslinge aller Art’®.
    Die agressive Jägerrolle dagegen (‚erlege geschickte und wehrhafte, doch grundsätzlich harmlose Geschöpfe‘) ist wohl kaum der Traum vieler Menschen. Selbst Spiele wie ‚theHunter: Call of the Wild‘, die durch Atmosphäre, Realismus und Anspruch faszinieren können, bedienen nur einen Nischenmarkt. Jedes Mal, wenn über solche berichtet wird, hagelt es ‚Ich könnte ja keine Tiere töten‘ und ‚Könnten wir die Tiere nicht einfach fotografieren‘?
    Von der „Bewunderung“ die realen Großwildjägern entgegen schlägt einmal ganz zu schweigen.

    Auch die inhärente Motivation der Jagd wird für den Spieler seltent erfahrbar.
    Professionelle Jäger jagen um zu überleben. Doch ich als Spieler leide wenn ich die Aufträge nicht erledige weder Hunger noch Armut. Klar, die Entwickler können einen Hunger-Wert oder Upgrade-für-Geld-System einbauen, aber beide sind eher (restriktive) Schrauben in der Spielmechanik denn inhärente Motivationsspender.
    Dafür bleiben nur zwei Optionen übrig: Spaß an der Mechanik und immersives Narrativ.

    Umso absurder, dass Monster Hunter World ersteres offenbar hervorragend gelingt und an zweiterem grandios scheitert.
    Warum töte ich offensichtlich keine Monster, sondern Tiere?
    Warum wird keiner der offensichtlichen Erklärungen verwendet: Große, widernatürliche Bestie greift Siedler an (siehe Evolve). Die Monster leiden an ‚Super-Tollwut‘, sind eine Geahr für Mensch und Natur und sie zu erlegen dient letztlich der Erfoschung eines Heilmittels. Und natürlich muss ich diese Erklärung auch visuell in der Spielwelt wiederfinden: Wenn der angebliche Zivilisten-Mörder friedlich äsend in der Wildnis rumsteht, bricht dass das Narrativ.

    1. Danke für deinen Kommentar! Ja, finde Spielermotivation ist immer ein sehr interessanter Faktor. Mir macht das Prinzip der Jagd in Spielen ja durchaus Spaß, gerade das nachspüren, geduldig warten und dann zuschlagen fühlt sich großartig und belohnend an. Allerdings gehöre ich eben in der Realität zu den Menschen, die nur für den Nervenkitzel niemals ein Tier töten oder verletzen könnten.

      Das fällt mir auch in Spielen schwer, selbst wenn sie wie z.B. in Assassin’s Creed Material abwerfen, das mir nützt. Dort hat es aber immerhin den Zweck, dass ich danach damit gegen meine Gegner antreten kann, während ich in Monster Hunter ja immer stärkere Rüstungen und Waffen anfertige, um dann wieder gegen Monster anzutreten. Also bleibt die Jagd der Hauptzweck.

      In The Long Dark fiel es mir hingegen leichter, Tiere zu töten. Eben weil es sehr gut in die Narration eingebunden war: Wölfe sind durch einen elektromagnetischen Sturm aggressiv und fallen mich an, ich muss mich verteidigen. Und Rehe waren eben ein notwendiges Nahrungsmittel, da sie signifikant mehr bringen als alle anderen Lebensmittel im Spiel. Vielleicht würde es Monster Hunter in dieser Hinsicht also tatsächlich auch helfen, wenn ein bisschen mehr Survival reinkäme. Aber gerade weil ich die Spielmechaniken an sich so gelungen finde, käme mir das auch irgendwie aufgesetzt vor.

      Geb dir da völlig recht, eigentlich wäre es ja ein Leichtes, das stärker ins Spielgeschehen einzubinden. Selbst, wenn die Jäger ein arroganter Haufen sind, der einfach gerne Trophäen jagt, kann man das ja so in der Welt etablieren. Fände ich sogar ganz spannend zusammen mit den leidenden Monstern, weil der Spieler dann ja stärker in die Rolle des „Bösen“ rutscht und sein Verhalten nur mit einigen aggressiven Monstern rechtfertigt, die sich vielleicht verteidigen.

  2. Danke dir für die schnelle Antwort!

    In Spielen, in denen die Jagd nicht Hauptzweck, ist sie ja meist auch anspruchslos – Tiere sind dann nicht viel mehr als wandelnde Ressourcenhaufen. Damit rücken sie in eine seltsame Zwischenposition: Einfacher Zugang wäre auch mit toten Materialien möglich, wenn Anspruch dabei sein soll könnten genauso gut die besiegten Gegner die Rohstoffe droppen. Niedlichkeit wird hier zur Hemmschwelle, die das Craftingsystem behindert.

    Survival kann tatsächlich immersive Motivation liefern, aber ich vermute bei Monster Hunter würde es auch das grundlegende Konzept zerstören: Bloßer Überlebenskampf suggeriert Verzweiflung, Monster Hunter hingegen versetzt in die Rolle einer starken, talentieren und gut ausgerüsteten Profijägers – zu einem gewissen Grad auch Machtfantasie.

    Dein Vorschlag, gezielt den Spieler in die „böse“ Rolle ist auf jeden Fall faszinierend – als Vergleich fällt da ja etwa Ahab aus Moby Dick ein. Ich vermute aber, dass dann ein weit größerer Fokus auf eine wirkliche Geschichte nötig wird – nur wenige Menschen mögen ja das Konzept, das sie grundsätzlich böse sind.

    Spannend fände ich auch ein Konzept, das jedoch sehr von Monster Hunter abweicht: Den Spieler in die Rolle eines Raubtiers zu versetzen, das eben andere Monster jagt. Selbst wenn man der Beute klar überlegen ist wirken die Handlungen dann eher natürlich denn böse – man folgt ja nur seinem Instinkt.

    1. Sehr interessante Punkte!

      Muss bei Spielen wie AC auch klar sagen, wenn die Jagd nach Tieren jetzt nicht drin wäre und ich das Zeug nur kaufen kann, würde es mich nicht stören. Tatsächlich kann man das meiste zumindest hier ja kaufen oder von den eigenen Feinden stehlen, die Jagd bleibt also sowieso optional.

      Denke auch, Monster Hunter bräuchte hier mehr Story, um wirklich zu etablieren, dass wir die Bösen sind bzw. es uns bewusst zu machen. Auch wenn ich es so ganz spannend fand, weil es mich eben dazu gebracht hat, selbst darüber nachzudenken.

      Das Konzept „böse“ bezieht sich ja ohnehin eigentlich fast nur auf Menschen. Katzen zeigen ja mitunter sadistisches Verhalten, wenn sie mit ihren Opfern spielen, sonst geht man ja immer davon aus, dass ein Tier eben instinktiv handelt und das Handeln einen Zweck verfolgt, der von der Natur vorgegeben wurde, während der Mensch sich frei dazu entscheiden kann, etwas Böses zu tun. Wenn wir Tiere töten, obwohl wir das nicht müssen, könnte man das also eher als böse auffassen, als wenn ein Löwe eine Antilope reißt, weil er hungrig ist.

      Tatsächlich würde ich gerne ein Raubtier auf der Jagd spielen, wenn das Konzept ähnlich wie in Monster Hunter funktioniert. Ein Fabelwesen könnte auch über coole Fähigkeiten und Angriffsstrategien verfügen.

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