Dishonored 2: Du musst nicht gewinnen

Spiele sollen Spaß machen, Eskapismus und Unterhaltung sein. Aber warum machen wir sie dann regelmäßig freiwillig zur Arbeit?

Warum spiele ich eigentlich? Eine Frage, die ich mir neulich ganz unvermittelt während einem No-Kill-Run von Dishonored 2 gestellt habe. Ein Spiel, das aufs Schleichen ausgelegt ist und mich dafür belohnt. Das heißt, um gut darin zu sein, darf ich niemanden töten und bin idealerweise lautlos wie ein Geist.

Missachte ich das und morde munter drauf los, erhöht sich mein Chaos-Level. Das Spiel bestraft mich für dieses Vorgehen, indem mehr der widerlich-aggressiven Blutfliegen in der Stadt auftauchen und ich mich zum Schluss mit dem schlechteren Ende begnügen muss. Also doch lieber einfach friedlich schleichen?

Was mich gestört hat, war nicht diese Einschränkung, sondern eher, wie leicht ich ihr freiwillig nachgebe. Niemand hindert mich daran, trotzdem wie ein Berserker durch Karnaca zu stürmen und einen Blick auf all die brutalen Kill-Animationen zu erhaschen – sie sind doch genau deshalb im Spiel. Und ein schlechteres Ende, ein bisschen mehr Herausforderung, na und? Spiele ich nicht letztendlich, um eine maximal gute Zeit mit dem Spiel zu haben?

Und hier liegt mein Problem: Die Antwort ist nein. Es ist mir wichtiger in einem Spiel wie Dishonored „gut“ zu sein, es richtig zu spielen, als das für mich persönlich beste Spielerlebnis damit zu haben. Also schleiche ich vorsichtig von Hausecke zu Hausecke und von Dach zu Dach, greife meine Gegner von hinten, springe auf sie herab und lade das Spiel einfach neu, wenn mich doch mal jemand entdeckt. Nur damit am Ende in meiner Statistik steht, dass ich niemanden getötet habe und die Helden Emily und Corvo sich über ein Friede-Freude-Eierkuchen-Happy-End freuen können.

In Dishonored 2 kann ich mich entscheiden, ob ich Emily oder Corvo spiele – und ob ich tödlich oder nicht tödlich vorgehe.

Ich sollte an erster Stelle stehen

Das freut mich natürlich auch. Wie bei Filmen oder Serien wachsen mir auch Spielfiguren ans Herz – ich wünsche ihnen, das alles gut ausgeht. Aber trotzdem schadet es nicht, sich zu fragen, ob es das wert ist oder man doch einfach mal die eigenen Bedürfnisse über die der virtuellen Pendants stellen sollte. Ich schleiche gerne, aber vielleicht würde es mir trotzdem Spaß machen, das Spiel einmal völlig anders zu spielen?

Dass ich das nicht einfach so ausprobieren kann, liegt an meinem unsäglichen Effizienz-Denken. Statt als Eskapismus und Zufluchtsort behandle ich Spiele oft leider genauso, wie ich das echte Leben: Hier würde ich mich auch nicht für die „schlechtere Lösung“ entscheiden, wenn ich den besten Weg bereits kenne. Selbst, wenn es augenscheinlich mehr Spaß bringt.

Denn am Ende ziehen wir unsere Befriedigung doch vor allem aus dem Erfolg, weil unsere Gesellschaft eben darauf ausgelegt ist – wer erfolgreich ist, ist auch glücklich. Spiele böten eigentlich eine wunderbare Chance, genau aus diesem Denken auszubrechen und eine Welt zu erleben, die eben anders ist als die Realität und uns einfach das tun lässt, worauf wir Lust haben. Trotzdem verfalle ich hier genau in dieselben Muster.

Spiele bleiben Spiele

Und nicht nur in Dishonored: Ich verbringe Stunden damit, eine Liste mit nutzlosen Sammelobjekten abzuarbeiten oder absolviere ohnehin bockschwere Missionen, die mir so gut wie keinen Spaß machen, nur um am Ende sagen zu können, ich habe sie geschafft. Es fühlt sich dann ja auch gut an, einen Boss zu besiegt haben oder ein sauschweres Level zu beenden, das anfangs noch unmöglich schien. Aber ich finde, es sollte auch noch genug Gegenprogramm geben. Spiele sollten Spiele bleiben und nicht zu Arbeit ausarten.

Wenn ich also merke, dass der Frust überhandnimmt, will ich noch in der Lage sein, das Spiel wegzulegen, ohne mich schlecht zu fühlen. Denn ich muss nicht effizient sein, ich muss es nicht schaffen, ich will es nur. Und wenn es dieses Mal nicht klappt, dann geht die Welt nicht unter, wenn ich stattdessen ein anderes Spiel starte, in dem ich mir einfach ein bisschen Abstand vom Alltagsstress gönne.

Die Kämpfe in Dishonored bekomme ich im Prinzip nie zu Gesicht. Einfach, weil ich nicht über mich bringen kann, das Spiel „falsch zu spielen“.

Mehr zum Thema: Ein Bluff als genialer Entwicklertrick

Über Elena Schulz

Freiberufliche Journalistin und Künstlerin. Liebt Dinosaurier, den Weltraum, Batgirl, das Meer und alles was mit Videospielen zu tun hat. Eigentlich immer ein bisschen verwirrt.

10 Kommentare zu “Dishonored 2: Du musst nicht gewinnen

  1. Guter Artikel 😉

    Das Problem bei vielen Spielen mit einem gewissen „Achievement“-Sammelwahn ist, dass man diese meist nur auf eine bestimmte Art und Weise erspielen kann und diese Weise als die einzig „Richtige“ belohnt wird. Deus Ex Human Revolution und Hitman hatten unter Anderem damals dieses Problem.

    Gutes Spieldesign lässt sich meiner Meinung nach an der Vielfalt an Herangehensweisen und der Kreativität des Spielers messen. Die Spiele der Divinity Original SIns Reihe wären ein gutes Beispiel. Es belohnt nicht einen einzigen Lösungsweg, sondern bietet dem Spieler die Möglichkeit kreativ (sowie kooperativ) Dinge anzugehen ohne dabei eine bestimmte Spielweise zu bevorzugen. Solche Spiele sind leider rar und ich stimme zu, dass sich viele Spiele durch repetitives grinden und co eher wie Arbeit anfühlen.

    xoxo
    Gruß da lass 🙂

    1. Danke!

      Das stimmt, wobei das Problem ja oft leider eher ist, dass wir nicht über uns bringen, diese Dinge zu ignorieren – theoretisch kannst du ja immer den anderen Weg wählen, im Fall von Dishonored fühlt es sich nur – zumindest für mich – doof an, weil du dafür bestraft wirst. Gibt aber auch genug Spieler, die es gut finden, dass ihr schädliches Verhalten in der Spielwelt solche Folgen hat, denk das ist immer Auslegungssache. 🙂

      Divinity muss ich mir endlich mal anschaun, hab da auch viel Gutes gehört. Sonst ist das erste Deus Ex was spielerische Freiheit angeht (und auch sonst!) ein Positivbeispiel, weil hier der Schleichweg nicht zwangsläufig der effizienteste sein muss, sondern meistens eher eine Mischung aus allem.

  2. Stimmt genau.

    Du hast es effektiv auf den Punkt gebracht. In Hitman (das neuste) hast du genau dasselbe du könntest such einfach mit einer Maschinenpistole durch die Massen rennen und alles niederstrecken. Oder das gesamte Sicherheitspersonal am helligten Tage mit ungedämpfter Pistole im Stil ala Third Person Shooter erschießen. Macht aber keiner weil es ja Punktabzug gibt, wenn auch kein schlechteres Ende. Aber da sind wir wieder bei deinem Punkt: Man wird NUR mit Punktabzug bestraft und trotzdem spielt jeder das Spiel ,,richtig“. Nur wegen einer Zahl auf dem Bildschirm sagen die Leute: Gut ich schleiche hier jetzt mal. Oder du hast ja für die Gamestar (glaube ich korrigiere mich bitte, wenn ich falsch liege) den Test zu The Walking Dead A New Frontier verfasst. Das ist wieder ein klassisches Beispiel dafür. Es gibt ja verschiedene Enden in diesem Spiel (ohne jetzt zu viel zu Spoilern, ich weiß ja nicht, ob du es nach dem 2 Episoden Test fertig gespielt hast) auf jeden Fall gibt es verschiedene Enden und auch wenn diese sich nur mittelmäßig voneinander unterscheiden, habe ich es nach dreifachem Durchspielen des Spiels nie übers Herz gebracht, in einer Schlüsselentscheidung anders zu entscheiden, weil ich das bestmögliche Ende erzielen wollte. Aber im Endeffekt hätte ich die anderen Enden des Spaßeshalber auch gerne mal gesehen. Das sind jetzt klar nicht solche Extrembeispiele, wie Dishonored, aber ich denke auch das bringt es zum Ausdruck. Du hast schon recht, dass Spiele den Spieler sozusagen ,,in eine Form pressen“.

    1. Ja genau! Man hat ja die Wahl, aber man hält sich selbst in der Regel davon ab. Mal aus moralischen Gründen, weil man eben nicht böse spielen kann, mal aus spielerischen Gründen, weil man nicht schlecht abschneiden will.

      Es war nur der Test für die erste Episode, nicht die komplette Staffel. Aber das gilt auf jeden Fall auch für Telltale und Co. 🙂 Ich habe immer ein richtig schlechtes Gewissen in solchen Story-Spielen, wenn ich eine ungünstige Entscheidung treffe. Gerade in Life is Strange ist mir zum Beispiel etwas richtig Dummes passiert, dass ich hier mal nicht verrate aus Spoilergründen. Aber es war ne ziemlich große Entscheidung, bei der ich ziemlich versagt habe.

      An solchen Punkten kostet es mich dann schon genug Überwindung nicht einfach das Spiel neu zu laden. Nicht auszudenken also, von vornherein so zu spielen. 😀 Dabei will ich auch gerne alle möglichen Enden und Entscheidungen sehen. Tatsächlich mag ich deshalb Story-Spiele mit Entscheidungen nicht so gerne, außer es ist richtig gut gemacht mit vielen Alternativen, statt nur gut und schlecht. Habe es sonst fast lieber, wenn einfach eine intensive, spannende Geschichte erzählt wird und lebe meine Freiheit in Sandbox-Spielen aus.

      1. Ja, wo du gerade von Sandbox Spielen redest, ein Spiel, in dem dieses: ,,Du kannst theoretisch machen, was du willst, aber praktisch nicht.“ -Prinzip nicht vorkommt ist Mount and Blade bzw. Mount and Blade Warband hier ist der böse weg grundsätzlich der einfachste, denn wer einfach Dörfer plündert, anstatt sich den Proviant, Waffen und Rüstung zu kaufen, der hat es klar einfacher. Dennoch hat dieser weg auf das Spiel auch die Auswirkungen, die man erwarten würde. Das Spiel hällt einen aber nicht explizit davon ab und versucht einen sogar (besonders zu Spielbeginn) zu ,,Überreden“ böse zu spielen. Und das aber nur, weil die Vorteile locken, die man in echt auch davon hätte sowie aber auch die Nachteile. Also in Mount & Blade war das bzw ist das wirklich gut gebalanced zwischen gut und böse wo auch ich (obwohl ich normal immer nur gut Spiele) auch mal das eine oder ander Dorf überfallen und die unschuldigen Bauern getötet hab, um die Söldner in der nächsten Taverne anwerben zu können. 😀 Und LiS war sowieso so ne Sache da gabs echt die eine oder andere sehr harte Entscheidung.

        1. Das klingt in der Tat interessant! Find das auch in The Banner Saga gut, wo man oft eine egoistische Entscheidung treffen muss (zum Beispiel Leute einfach stehen lassen oder ausrauben), damit die eigene Karawane überlebt. So fühlen sich die bösen Entscheidungen viel logischer und sinnvoller an und man lebt eben mit den Konsequenzen.

  3. Zu The Banner Saga kann ich leider nichts sagen, hab ich noch nie gespielt. Hab ich mir schon angeschaut, war mir aber nie sicher, ob es den Kauf Wert ist. Naja mal schauen jetzt ist ja wieder Steam Sale :D. Aber manchmal ist es auch gut in Spielen eingeschränkt zu sein z.B zu gunsten des Storytellings.

    PS: Ich habe neulich versucht, mit dem iPhone diese Antwort zu verfassen, und dort sind die Textfelder lang gezogen und die Buchstaben ohne Format einfach untereinander. zudem bekam ich mit derselben E-Mail Adresse, wie jetzt verwendet die Meldung E-Mail-Adresse ungültig. Weiß nicht ob du da was machen kannst/ willst wollte jedenfalls, wie es in der Gaming-Szene so schön heist den Bug reporten 😉

    1. Es lohnt sich auf jeden Fall! The Banner Saga ist eines meiner Lieblingsspiele, es verbindet seine Geschichte perfekt mit spannenden Entscheidungen im Gameplay.

      Ah okay, danke für die Info! Ich weiß nicht, ob ich da was machen kann, aber ich schaus mir auf jeden Fall mal an. 🙂

      1. Ja, hab auch die Review von euch Gamestar zu The Banner Saga gelesen wird auf jedenfall gekauft PS: Das mit dem Handy scheint wieder gut zu gehen, weiß nicht, ob du schon was gemacht hast. Vielleicht liegts auch an meinem Handy Also Frohe Weihnachten und Feiertage noch!

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